Seit einem halben Jahr starrt Europa auf Griechenland. Darüber gerät unseren überforderten Politikern alles andere aus dem Blickfeld: die fortdauernden Kämpfe in der Ukraine, das Vordringen des "Islamischen Staates" in Syrien und dem Irak, der Zerfall Libyens, das Schwächeln der jungen Demokratie in Tunesien, das Wüten von Boko Haram in Nigeria und Al-Schabaab in Somalia, nicht zuletzt das Wiederaufflackern des Afghanistan-Konflikts.

Und nur Spezialisten nehmen überhaupt wahr, wie sich die tektonischen Platten der Geopolitik zwischen dem Ural und dem Pazifik gegenwärtig verschieben. Russland und China sind dabei, eine neue Weltordnung zu entwerfen, die nicht länger von Amerika und Europa dominiert wird. Dies jedenfalls ist die Botschaft, die vorige Woche von der im südlichen Ural gelegenen Stadt Ufa ausging. Dort versammelten sich in den diesen Tagen nacheinander die Staats- und Regierungschefs der Brics und der Shanghai Cooperation Organization (SCO) – zweier Zusammenschlüsse von Staaten, die entschlossen sind, sich der westlichen Vorherrschaft zu entziehen, die sie als unerträgliche Bevormundung empfinden.

Brics: Das war anfangs nur eine Abkürzung, 2001 erfunden von dem Goldman-Sachs-Ökonomen Jim O'Neill. Sie stand für die Anfangsbuchstaben von Brasilien, Russland, Indien, China und (seit 2010) auch Südafrika – fünf aufstrebende Länder, die seit Beginn des Jahrtausends eine rasante Entwicklung genommen haben und auf die heute mit ihren 42 Prozent der Weltbevölkerung 27 Prozent des Weltsozialprodukts und 17 Prozent des Welthandels entfallen. Seit 2006 versuchen sie, ihr politisches Gewicht zu bündeln, den westlichen Einfluss auf die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Weltwirtschaftsordnung zurückzudrängen und den eigenen Einfluss zu verstärken. Aus aufstrebenden Märkten sollten aufstrebende Mächte werden.

Gegen das Diktat des Westens

Bei der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit liegt der Schwerpunkt mehr auf sicherheitspolitischem Gebiet. Sie entwickelte sich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre aus ersten chinesisch-russischen Kontakten, bei denen es zunächst um die Klärung von Grenzstreitigkeiten ging, die nach dem Zerfall der Sowjetunion in Zentralasien aufgekommen waren. Die ursprünglichen Mitglieder des 2001 formell gegründeten Staatenverbundes waren Russland, China, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan. Bei dem SCO-Gipfel in Ufa wurden nun auch Indien und Pakistan aufgenommen. Beobachterstatus haben die Mongolei, Iran, Afghanistan und Weißrussland. Die Organisation soll die Zusammenarbeit der beteiligten Länder auf allen Gebieten fördern. Der Nachdruck liegt jedoch auf der Bekämpfung des Terrorismus, der Gewährleistung von Frieden und Sicherheit in der Region und der Beilegung von Konflikten. So beendeten China und Russland 2010 ihre jahrzehntelangen Grenzstreitigkeiten.

Das Ziel der beiden Uralgipfel war ein doppeltes. Zum einen, Wachstum und Konkurrenzfähigkeit der Brics-Staaten zu erhöhen und der neoliberalen Wirtschaftsführung Paroli zu bieten; zum anderen, eine neue "multipolare Weltordnung" zu schaffen, die nicht dem Diktat des Westens unterliegt. Zu diesem Zweck sollen Putins Eurasische Union und die Seidenstraßen-Initiative der Chinesen verknüpft werden.

Im Westen hat man sich angewöhnt, dieses Vorhaben zu belächeln. Russlands Wirtschaft steckt des niedrigen Ölpreises und der westlichen Sanktionen wegen in der Krise. Der chinesische Börsenkrach bringt Pekings kommunistischen Kapitalismus ins Wackeln.

Brasilien kommt nicht aus der ökonomischen Misere heraus; dasselbe gilt für Südafrika. Indien aber bleibt bei allen Fortschritten eine Kombination von IT und bitterem Hunger. Auch die Wirtschaftsleistung ist höchst unterschiedlich: Die Chinas ist 28-mal größer als die Südafrikas und viermal größer als jene Russlands und Indiens. 

Dominanz Pekings statt Washingtons?

Zugleich sind die im Brics- und SCO-Rahmen zusammengebundenen Staaten politisch keineswegs aus einem Guss. Der Kommunokapitalismus Chinas, das scheindemokratische System Russland und die indische Demokratie bilden keine Wertegemeinschaft. Weder die Geografie noch die Historie verflicht sie. Und auch ihre weltpolitischen Interessen sind keineswegs deckungsgleich. Russland und China suchen die Ordnung von 1945 über den Haufen zu werfen; Indien und Brasilien wollen lediglich ihren Platz am Tisch der Großen; Indien jedoch hält sich – everybody's darling – nach allen Seiten offen. Im Übrigen muss das Übergewicht Chinas allen Kopfzerbrechen bereiten. Die Dominanz Washingtons werden sie schwerlich gegen die Dominanz Pekings eintauschen wollen.

Dennoch darf der Westen die Herausbildung des neuen Mächtemusters nicht auf die leichte Schulter nehmen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts werden die Brics die alten Industriestaaten wirtschaftlich überholen. Er darf ihnen nicht weiterhin das Gefühl geben, dass sie am high table der Weltpolitik nichts zu suchen haben. Dies gilt zumal für ihren Anteil an der Weltbank und am Internationalen Währungsfonds. Es ist lachhaft, dass die neue Wirtschaftsgroßmacht dort ein geringeres Stimmengewicht hat als Belgien – weil der amerikanische Kongress sich weigert, China mehr zuzugestehen. Kein Wunder, dass Peking nun schon seine zweite internationale Entwicklungsbank gründet. Es zeigt: Wenn die aufstrebenden Länder nicht in die Führungsetage der Weltpolitik zugelassen werden, schaffen sie sich eben ihr eigenes Ordnungssystem.

Andererseits müssen wir uns auch fragen, ob sich der Westen eigentlich einen Gefallen tut, wenn er gegenüber Russland eine Politik betreibt, die Moskau immer weiter in die Arme Chinas schubst. Mag Putin auch in seiner aus Enttäuschung und Verblendung geborenen Abkehr von Europa fortfahren – auf die Dauer werden die Russen ihm nicht folgen, denn es geht gegen ihre historisch gewachsenen Instinkte. Dürfen wir es dem Kreml-Herrn wirklich so leicht machen, Russland aus Europa hinaus und in die Tartarei zu führen?