Die Erdölstadt Ufa in Russland steht nicht so oft im Rampenlicht. Auch jetzt schaut mitten in der Griechenland-Krise kaum jemand aus dem Westen hin. Obwohl es sich lohnen würde. Nicht wegen des Öls. In der Millionenstadt nördlich von Kasachstan trafen sich in dieser Woche die Staatschefs der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) und der Brics-Staaten. Darin haben sich China, Russland, Indien und andere größere Staaten zusammengetan, auch um dem atlantischen Westen die Stirn zu bieten.

Von dem Absturz chinesischer Börsenkurse ließen sie sich nicht irritieren. Die Brics-Staaten übten in ihrer Abschlusserklärung ätzende Kritik an der "neoliberalen Globalisierung" westlichen Musters. Die Länder wollen künftig auch stärker politisch zusammenarbeiten.

In einer Zeit, in der die Europäer um den langfristigen Zusammenhalt von Eurozone und EU bangen, sind solche Gegenmodelle ernst zu nehmen. China baut strategische Bündnisse aus, und die russische Führung hängt sich dran, weil sie darin die Chance sieht, dem ungeliebten Westen den Rücken zuzudrehen. Integration mal ohne den Westen.

Neue Seidenstraße geplant

Vor Kurzem haben die Chinesen nun ein grandioses Projekt angekündigt, das an einen alten Mythos rührt: die Seidenstraße. Pazifik und Mittelmeer zu verbinden, das ist ein alter Menschheitstraum. Die Chinesen wollen ihn im 21. Jahrhundert wiederbeleben. In Ufa wurde immer wieder beschwörend von der Seidenstraße gesprochen. Doch was steckt dahinter? 

Jüngst versuchten sich hochrangige Chinesen, Russen und Europäer in Berlin an einer Deutung. Auf dem Bergedorfer Gesprächskreis der Hamburger Körber-Stiftung stellte ein chinesischer Minister das Projekt vor. Die Seidenstraße ist nach chinesischer Vorstellung vielmehr als eine Transportroute für Lastwagen und Pkw. Die Chinesen möchten in den kommenden Jahren mit Milliardeninvestitionen den eurasischen Raum neu vernetzen. Eine Eisenbahnstrecke von China bis Duisburg existiert schon. Entwicklungsbanken sollen künftig dazugehören, gemeinsame Handelsstandards, Abbau von Zollschranken, die Integration von Märkten und Kulturen. Alle Staaten seien gleichberechtigt, es gäbe keine Juniorpartner, sagte ein chinesischer Minister in Berlin. "Inklusion, nicht Ausschluss ist unser Ziel."

Russland hofft, dass Sanktionen wirkungslos werden

Die Russen denken bei Inklusion vor allem an neue Wege, wie sie ihre Abhängigkeit vom Westen senken können. Das wurde sowohl auf dem Gipfel in Ufa wie auch beim Bergedorfer Gesprächskreis in Berlin deutlich. Ein russischer Minister betonte die Bedeutung der neuen Entwicklungsbanken, die China und die Brics-Staaten ins Leben gerufen haben. Moskau hofft, dass diese Banken und ihre Kredite die westlichen Finanzsanktionen auf Dauer wirkungslos machen könnten.

Europäer und Amerikaner verfolgen diese Annäherung mit gemischten Gefühlen. Die Chinesen betonen deshalb stets, dass sich niemand ausgeschlossen fühlen soll. Doch bei der Körber-Stiftung in Berlin mussten sie sich kritische Gegenfragen aus Europa anhören. Verfolgen die Chinesen nicht einfach nur die ökonomische Durchdringung des eurasischen Raums zu ihren Bedingungen? Wer legt die Regeln für die Integration dieses großen Raums fest? Wie gleich sind die Mitglieder von neuen Zusammenschlüssen? So gleichberechtigt wie Luxemburg und Frankreich in der EU oder so ungleich wie im pazifischen Verhältnis Chinas zu seinen kleineren Nachbarn? "Sprechen Sie offen über Ihre Interessen", forderte ein Europäer die Chinesen auf. "Dann können wir sehen, welche Ihrer Interessen mit den unseren vereinbar sind."

Doch darüber reden die Chinesen nicht gern. Lieber bleiben sie im Ungefähren, wenn sie über den "Zusammenschluss von Kulturen, Völkern und Volkswirtschaften" auf dem größten Kontinent sprechen. Das alles klingt recht wolkig, nur die zielgerichteten chinesischen Investitionen in den Nachbarländern werden konkret. Und daraus folgen zumindest ökonomische Abhängigkeiten. Hilfestellung könnte künftig auch eine neue wichtige Bank leisten.

Die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB) ist vielleicht Chinas größter internationaler Erfolg. Am 29. Juni unterzeichneten Staaten aus fünf Kontinenten in Peking die Gründungsurkunde. Neben den meisten asiatischen Staaten sind auch Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien dabei – immer den chinesischen Markt im Blick. China sieht die Bank als Konkurrenz zum Internationalen Währungsfonds und zur Weltbank, die in Washington beheimatet sind. In Ufa sprachen Chinesen und Russen von "neuen globalen Steuerungsmechanismen". Noch ist davon nicht viel zu spüren, aber die Ziele hinter diesen Initiativen sind klar erkennbar. Die sonst im globalen Wirtschaftsleben so dominierenden Amerikaner sind zum Beispiel an der AIIB nicht beteiligt. Aus chinesischer Sicht liegen sie eben abseits der neuen Seidenstraße.