Das Establishment der Republikaner ist schockiert – sogar sehr schockiert: Mit der Resonanz, die der durchweg dreist auftretende New Yorker Milliardär Donald Trump an der Basis erhält, hatte keiner der Granden der Partei gerechnet. Dass er zum aktuellen Spitzenreiter für die US-Präsidentschaftskandidatur 2016 aufgestiegen ist, ist für die Republikaner ein Albtraum. Doch trotz aller Peinlichkeit und allen Wegwünschens unter den Geldgebern der Partei steht eines fest: Donald Trump ist genau der, den die Republikanische Partei als Fahnenträger verdient hat.

Trump zelebriert seinen Reichtum hemmungslos und überschreitet dabei oft die Grenze zur Vulgarität. Darüber hinaus besitzt er eine ausgeprägte Neigung, den Gossenstil der politischen Kommunikation zu pflegen. Trump ist somit das perfekte Vehikel, um die eigentlichen "Werte", die sich die Republikanische Partei in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu eigen gemacht hat, gebührend zu repräsentieren.

Er ist Republikaner pur, ohne Wenn und Aber. Er sieht keine Notwendigkeit, sich zu entschuldigen. Im Gegensatz zum Rest der Partei lebt Trump das, wofür sie steht – das heißt vor allem: Dreistigkeit und Selbstsüchtigkeit. Denn der Appell ans Gemeinwohl hat bei den Republikanern allenfalls noch einen rhetorischen Stellenwert. Eine Partei, die keinerlei Bereitschaft zeigt, den Klimawandel auch nur als Herausforderung zu akzeptieren, verwehrt sich jeglicher Rationalität. Und eine Partei, deren zentrales Leitmotiv es ist, noch weitere Steuervergünstigungen für die Reichen durchzusetzen, hat mit der Sorge um das Gemeinwohl nichts mehr zu tun. Es ist eine Welt, in der sich jeder einzig und allein der Nächste ist. 

Trump und die anderen Neo-Republikaner, die gemeinsam die gediegene Welt von George H.W. Bush und des sogenannten Ostküstenestablishments in Schutt und Asche gelegt haben, symbolisieren das Wesen des heutigen herzlosen Amerika perfekt. Die relative Sprachlosigkeit von Konkurrenten wie Jeb Bush angesichts des Erfolgs von Trump spricht Bände.

Das eigentlich Erstaunliche ist deshalb, dass die Republikaner aktuell so erstaunt sind. Haben sie denn ernsthaft etwas anderes erwartet? Ein Wahlvolk, dem man lange genug die hemmungslose Selbstsucht als entscheidendes Handlungsmotiv näherbringt, wird sich dies irgendwann zu eigen machen. Haben die Parteimanager wirklich geglaubt, dass der zielgruppenorientierte Zynismus, mit dem man dem Wahlvolk gegenübertrat, keine Konsequenzen haben würde? Ein prägnantes Beispiel ist die Umdeutung der Erbschaftsteuer in eine "Todessteuer". Dahinter steckt der zynische Versuch, den Reichen ihren Reichtum vollkommen ungeschmälert zu belassen. 

Dass diese Strategie die Kernprämisse der Vereinigten Staaten von Amerika untergräbt, nach der der soziale Aufstieg für jedermann möglich sei, ist dem republikanischen Establishment offensichtlich schnurzpiepe. Man kann nicht dem vollendeten Egoismus das Wort reden – und dann ernsthaft erwarten, dass ein Edelmann als Präsidentschaftskandidat der Partei erscheint. Einer, der langfristig denkt – und nicht nur an sich selbst. Und man kann nicht konstant in der Parteirhetorik regelrecht Hackfleisch aus den Hoffnungen der Latinos des Landes machen – und dann Bestürzung und Entsetzen darüber äußern, dass der Anti-Einwanderer-Geist à la Trump die Parteibasis begeistert. Die Geister, die sie riefen...

"The Donald" ist somit die unmittelbare Echokammer der Gefühllosigkeit all jener republikanischen Politiker, die gefährlich mit den niederen Instinkten der amerikanischen Bevölkerung mit Blick auf die nichtweißen Immigranten gespielt haben. Es gibt noch eine ganze Reihe von Gründen, warum dieser Anti-Ausländer-Geist so in den Vordergrund gerückt ist. Hierzu zählt vor allem die Tatsache, dass die Anti-Abtreibungs-Bewegung, die der republikanischen Partei lange als ein sehr nützlicher Blitzableiter diente, unter den Wählern an Appellcharakter verloren hat. Doch es bleibt dabei: Man muss den Wählern derbe Kost vorsetzen, um sie von dem Kernprojekt der Republikaner zu überzeugen: Steuervergünstigungen für die Reichsten des Landes.