Fahndungsfotos zeigen Joaquín "El Chapo" Guzmán in Acapulco, Mexiko. © Pedro Pardo/AFP/Getty Images

Joaquín "El Chapo" Guzmán ist nirgends und überall. Auf 100.000 Fahndungsflyern, an Mautstellen und Polizeiwagen prangt sein Gesicht, das in Mexiko ohnehin jeder kennt. Interpol hat den flüchtigen Drogenboss des Sinaloa-Kartells weltweit zur Fahndung ausgeschrieben, 60 Millionen Pesos, etwa 3,4 Millionen Euro, Kopfgeld hat Mexiko auf El Chapo ausgesetzt – so viel wie nie zuvor. Seit Samstagnacht sind Tausende von Sicherheitskräften im ganzen Land alarmiert, Spezialeinheiten durchkämmen den Umkreis des Hochsicherheitsgefängnisses El Altiplano bei Mexiko-Stadt, mehr als 100 Straßenkontrollen wurden aufgesetzt. Sogar ein Flughafen in der Nähe des Gefängnisses wurde nach Guzmáns Flucht vorübergehend geschlossen – obwohl das Sinaloa-Kartell eine ganze Flotte eigener Helikopter besitzt. Doch Mexikos meistgesuchter Krimineller bleibt unsichtbar.

El Chapos Festnahme vor 17 Monaten war für den mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto bisher der größte Triumph seiner Sicherheitspolitik, jetzt weitet sich die Flucht zur größten Krise seiner Amtszeit aus. Wie bereits der Skandal um die 43 Studenten aus Ayotzinapa, die verschleppt und ermordet wurden, wirft auch die Flucht eines der meistgesuchten Verbrecher der Welt ein Schlaglicht auf die engen Verbindungen zwischen höchsten politischen Kreisen und Organisierter Kriminalität.

Im Bundesstaat Sinaloa, der Wiege des mächtigen Sinaloa-Kartells, feiern Chapo-Unterstützer schon offen die Rückkehr des Drogenbosses. El Chapo ist hier für viele ein Volksheld, aufgestiegen vom Farmer zum Boss des Kartells, ein lebender Mythos, der die Regierung immer wieder narrt. Schon 2001 war ihm die Flucht aus dem Gefängnis gelungen, angeblich in einem Wäschekarren. 13 Jahre lang blieb er abgetaucht, nur ein altes Foto existierte von ihm. Währenddessen stieg das Sinaloa-Kartell zu Mexikos mächtigstem kriminellen Netzwerk auf, lieferte sich mit anderen Kartellen einen blutigen Kampf um Routen und Märkte und wurde durch internationale Kooperationen zum fünftmächtigsten Syndikat weltweit.

"Unverzeihlich" sei es, hatte Präsident Peña Nieto kurz nach der Verhaftung von El Chapo im Februar 2014 gesagt, "wenn der Staat und die Regierung keine angemessenen Maßnahmen ergreifen, damit das, was vor einigen Jahren geschehen ist, nicht wieder passiert". Doch in den vergangenen Monaten wurden alle Alarmsignale ignoriert. "Es war eine angekündigte Flucht", kritisiert Edgardo Buscaglia, Senior Researcher an der Columbia University in New York und Experte für Organisierte Kriminalität. "In Mexiko herrscht ein Pakt der Straflosigkeit – die Flucht war nur eine natürliche Konsequenz."

Allein der Tunnel, durch den El Chapo in die Freiheit floh, habe die Dimension eines öffentlichen Bauprojektes gehabt, sagt Buscaglia – "die Größenordnung deutet auf eine Komplizenschaft hin, die weit über das Gefängnis selbst hinausgeht und ein Symbol für die weitverbreitete politische und operative Korruption in Mexiko ist, die völlig außer Kontrolle geraten ist."

Die Dusche, der einzig blinde Fleck in der Zelle

Die Aufnahmen aus der Überwachungskamera, die El Chapos letzte Minuten im Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano zeigen, könnten nun lange die letzten Bilder von ihm sein: Der Häftling läuft zwischen Bett und Duschecke hin und her, verschwindet dann hinter einer Wand, die die Dusche zum einzigen blinden Fleck im Raum macht. Um 20.52 Uhr am vergangenen Samstag wird El Chapo wieder zum Phantom. Doch ganze 18 Minuten verstreichen, bis der Alarm im Gefängnis ausgelöst wird – es ist nur ein Indiz von vielen, dass er zahlreiche Helfer hatte.

Selbst für die Verhältnisse des Sinaloa-Kartells, das mit Teams aus Architekten und Handwerkern die mexikanisch-amerikanische Grenzregion untertunnelt, um Drogen, Waffen oder Menschen zu schmuggeln, war der Hightech-Tunnel ein Meisterwerk – und so millimetergenau geplant, dass die Architekten die Baupläne des Hochsicherheitsgefängnisses, in dem El Chapo einsaß, gekannt haben müssen. Ein 50 mal 50 Zentimeter großer Einstieg in der Duschecke der Zelle führte in einen bis zu 19 Meter tiefen Tunnel hinab, mit Belüftungssystem, Beleuchtung, Sauerstoffvorrat und einem umgerüsteten Motorrad auf Schienen, das den Schutt aus dem ausgehobenen Stollen transportierte. 1,5 Kilometer außerhalb des Hochsicherheitsgefängnisses endete der Tunnel auf einem abgelegenen Grundstück, in einem Rohbau, der dem Tunnel als Tarnung diente. Die Bauarbeiten müssen Experten zufolge bereits kurz nach der Festnahme von El Chapo begonnen haben, innerhalb der letzten Monate zogen die Bauarbeiter schnell den Rohbau hoch. Ein aufwendiger Tunnel also, der Baulärm erzeugen muss, hineingebaut in ein Gefängnis, das Tag und Nacht überwacht wird mit Videokameras und Bewegungssensoren.