Spätestens wenn das alles einmal vorbei ist, wenn also aus Griechenland entweder ein funktionierender Staat mit einer runden Volkswirtschaft geworden ist oder wenn es den Euro doch noch aufgegeben hat, spätestens dann wird Europa sich fragen müssen, was aus dieser Krise zu lernen ist.

Eine übergeordnete Lehre steht schon jetzt fest: Die Europäische Union darf nie wieder so viel politische Energie in ein vergleichsweise so kleines Problem investieren. Ja, richtig gelesen: ein kleines. Wäre die Griechenland-Krise nicht zu einer Schicksalsfrage für Europa stilisiert worden, hätte sie kaum fünf Jahre lang den Betrieb des halben Kontinents dominieren können. Europa hätte nämlich Wichtigeres zu tun. Griechenland macht gerade einmal 1,2 Prozent der Wirtschaftsleistung der EU aus, und die meisten der Athener Regierungen haben in den vergangenen 35 Jahren die Chance verpasst, die Vorteile der EU- und Euro-Mitgliedschaft in Wachstum umzumünzen. Für die Griechen ist das Ergebnis eine Tragödie. Trotzdem es kann nicht die jahrelange Aufgabe von 18 bis 27 anderen Regierungen sein, ihnen einen Weg aus dieser Misere zu weisen.

Die griechische Staatsschuldenkrise ist aus zwei Gründen zur Brüsseler Daueraufgabe geworden. Der erste war der Urfehler, Griechenland in die Eurozone aufgenommen zu haben. Der zweite war die Annahme, es werde erst die Währungsunion und dann die EU zerreißen, sollte Griechenland aus dem Euro ausscheiden. Romantik und schwarzes Pathos, mit anderen Worten, haben die Europäische Union in die Sackgasse von Alles-oder-nichts-Lösungen manövriert. Die EU ist ein allzu gutwilliges Imperium geworden, eines, das statt an klassischer Macht-Überdehnung an einem moralischen Overstretch leidet: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Deswegen unterschrieben die Regierungschefs am vergangenen Sonntag eine Vereinbarung mit der griechischen Regierung, an die weder sie selbst (wie ich unterstelle) glauben, noch (wie er in einem TV-Interview sagte) der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras.

Die Methode Durchwursteln und das Prinzip Hoffnung mag man in einer EU der sechs oder zwölf Mitgliedstaaten gegolten lassen haben. Ein Staatenverbund aus 28 Mitgliedern kann so auf Dauer nicht funktionieren. Eine Regelgemeinschaft wie Europa scheitert nicht an Regeleinforderung und -durchsetzung, sie scheitert höchstens daran, dass ihre Regeln zur Verhandlungsmasse werden.

Was die EU deshalb jetzt braucht, ist eine neue Nüchternheit, und ja, auch eine neue Regel-Strenge statt Gipfelserien mit immer neuen Gewissensappellen. Es muss wieder Raum und Zeit sein für die größeren Herausforderungen, vor der diese Weltregion steht: zerfallende Staatsstrukturen rund ums Mittelmeer, ein Flüchtlingsandrang von historischen Ausmaßen, eine revanchistische russische Regierung, die einem Nachbarstaat der Union Krieg und Instabilität aufzwingt, und ein Wettbewerbsrennen mit Asien.

Aber wie lässt sich diese neue Nüchternheit herstellen? Durch, konkreter Vorschlag, mindestens zwei Veränderungen in den EU-Verträgen. Da keineswegs ausgeschlossen ist, dass Europa noch einmal einen Fall wie Griechenland erlebt, einen drohenden Staatsbankrott innerhalb (oder auch außerhalb) der Eurozone, muss, erstens, eine Insolvenzordnung her. Sie sollte unter anderem regeln, wann ein Mitgliedstaat den Euro verlassen muss – und wie dies auf möglichst schonende, abgefederte Weise geschehen kann.

Zum anderen braucht es ein abgestuftes Sanktionsregime gegenüber EU-Mitgliedern, die die Grundwerte der Gemeinschaft ernsthaft und dauerhaft verletzten. Bisher gibt es, etwa gegen einen ungarischen Regierungschef, der von den Vorzügen autoritärer Herrschaft und der Todesstrafe schwadroniert, nur die Möglichkeit freundlicher Gespräche oder aber die Keule des Stimmrechtsentzugs im Europäischen Rat. Europa muss sich auch auf der ideellen Ebene wehrhafter machen gegen Regelbrecher.

Natürlich, niemand hat Lust, jetzt eine neue Vertragsdebatte zu beginnen. Aber es gibt einen Türöffner, der sich nutzen ließe. Großbritannien fordert eine EU-Reform, entlang dem Gedanken, die Stärken der Union zu stärken und ihre Schwächen zu schwächen. Es muss einem nicht alles gefallen, was die Briten wollen. Aber ihre Unzufriedenheit ist eine Chance für alle. Die nächsten EU-Gipfel sollten ausnahmsweise einmal Ideen aus London gelten. Mit ein bisschen Mut und Geschick ließe sich auf die Weise sowohl die nächste drohende Krise – ein Brexit – als auch der generelle Krisenmodus als Modus Operandi der EU verhindern. Es hilft nichts: Europa muss seinen Stier bei den Hörnern packen. Danach können wir uns neu über die Gemeinschaft freuen. Nüchtern betrachtet ist es in dieser Union der 28 nämlich wie in jeder Beziehung: Will man nicht wie ein Trottel dastehen, sollte man sich Romantik erst leisten, wenn sie funktioniert.