Im Schatten der rasenden Krise und der ebenso rasenden Versuche, sie zu beherrschen, im Schatten des Memorandums und der so wichtigen Abstimmungen in dieser Woche im griechischen und anderen europäischen Parlamenten hat sich in Griechenland eine Leerstelle aufgetan. Eine Leerstelle, die der Regierung und dem Land noch sehr zu schaffen machen könnte.

Weil Premier Alexis Tsipras und die Mehrheit seiner Syriza-Abgeordneten Ja gesagt haben zum Spar- und Reformpakt mit den anderen Euroländern, haben die Neinsager im Land ihren wichtigsten Fürsprecher verloren. Die Wütenden, die Tsipras gewählt und denen dieser versprochen hatte, alles zu ändern. Die er angestachelt und aufgewühlt hat mit seinen Reden über Ehre, Stolz und darüber, wie nun Griechenland die Werte Europas wiederbeleben werde. Vorbei. Tsipras hat verloren, er ist umgeschwenkt. Und die, die ihm gefolgt sind, stehen allein da. Enttäuscht, aufgewühlt. Und, zumindest jetzt noch: ratlos.

Am späten Mittwochabend saß die Studentin Stella mit zwei Freundinnen am Rande des zentralen Syntagma-Platzes in Athen auf einer Bordsteinkante. Sie war oft hier in den vergangenen Monaten um gegen die europäische Sparpolitik zu demonstrieren, aber diesmal war alles anders, diesmal demonstrierte sie erstmals auch gegen die, die sie selbst gewählt hat. "Ich bin so enttäuscht von der ganzen Situation. Ich bin enttäuscht, dass Tsipras gegen den Willen des Volkes handelt." 62 Prozent der Griechen hatten vor anderthalb Wochen in einem Referendum gegen ein neues Spar- und Finanzierungsabkommen gestimmt. Sie sei auch für ihren Vater hier, erzählte Stella. "Er sitzt nur noch deprimiert vor dem Fernseher und versteht die Welt nicht mehr."

Die Stimmung auf dem Platz war anders als bei den vorherigen Demos. Vereinzelt erklangen zwar Protestrufe, doch die große Mehrheit starrte nur hoch zum Parlament, wo zu dieser Stunde Alexis Tsipras für ein Ja zum Sparpakt warb.

"Ich habe nicht erwartet, dass er wirklich die Unabhängigkeit des Landes opfert", sagte einer der Demonstranten über den Premier. Und ein anderer: "Dass so viele, trotz der geschlossen Banken und der Atmosphäre des Terrors, die die Medien erschaffen wollten, mit Nein gestimmt haben, war ein Zeichen der Entschlossenheit. Entschlossenheit, die das Volk auch von seinem Ministerpräsident erwartet hat."

Ein Ja aus Notwehr

Massen sind bisher allerdings noch nicht auf den Straßen, weder an diesem Abend noch in den Tagen davor oder danach. Von den 62 Prozent Neinsagern sind die meisten still. Viele haben auch ihre Meinung geändert. 70 Prozent sprachen sich in einer Umfrage für ein Ja zum aktuellen Memorandum aus. Wie kann das sein?

Die meisten erklären es so: Das Nein in der Volksabstimmung war ein Nein zur Politik der Eurogruppe und zur Fremdbestimmung. Nachdem dann am Sonntag, vor allem durch Wolfgang Schäuble, der Rauswurf aus dem Euro bedrohlich real wurde, stimmten sie für das kleinere Übel, das Memorandum. Ein Ja aus Notwehr. Oder, wie Tsipras es immer wieder sagt in diesen Tagen, das Ergebnis einer "Erpressung". So gesehen haben all jene, die beim Referendum Nein sagten und jetzt Ja, ihre Meinung gar nicht geändert.

"Mehrheit für den sozialen Kampf"

In einem Vorort von Athen sitzt Thanos Andritsos an einem Cafétisch, die hellen, lockigen Haare zurückgebunden, und sagt: "Ich war nie sehr optimistisch, dass Syriza das wirklich durchhält, deswegen bin ich jetzt auch nicht allzu enttäuscht." Andritsos ist 30 Jahre alt, Architekt und Aktivist der kleinen Partei Antarsya, die links von Syriza steht. Er wirft Tsipras vor, dieser habe "dem sozialen Kampf der Linken geschadet". Denn: "Wer wirklich links sein will, darf sich nie dem Druck der EU-Sparpolitik beugen." Durch die Unterstützung auf der Straße sei Tsipras erst an die Macht gekommen, nun aber habe er diese durch sein "unglaubliches Einknicken" verraten – und dadurch indirekt das Verhalten all der alten Regierungen legitimiert, die ja am Ende auch immer eingeknickt seien. "Die Bevölkerung war viel entschiedener in ihrer Ablehnung der EU-Institutionen als die Regierung", glaubt er. "Diese Entschlossenheit, diese Wut wird nicht einfach so verschwinden." Es gebe in Griechenland eine "Mehrheit für den sozialen Kampf".