Bei seinem letzten großen Auftritt vor der Entscheidung über sein politisches Schicksal läuft es für den Mann, der in diesen Tagen die Aufmerksamkeit ganz Europas auf sich vereint, so wie er es sich gewünscht hat. Er steht auf einer Bühne. Hinter ihm das griechische Parlament, vor ihm auf dem Syntagma-Platz und den angrenzenden Straßen Zehntausende Menschen. Alexis Tsipras hat die Massen noch einmal versammelt. Seine Rede dauert keine zehn Minuten, könnte aber in die griechische Geschichte eingehen. Seine Anhänger kreischen, als sie ihn erkennen und sie jubeln, als er ihnen zuwinkt.

"Der Moment, als er zu sprechen begann, war unglaublich. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich körperlich spürte, wie das ist, wenn ein Volk aufsteht und seine politische Führung auffordert, nicht zurückzuweichen", sagt Stathis Kouvelakis, Philosoph und Mitglied von Tsipras Syriza-Partei. Für Kouvelakis war der Auftritt des griechischen Ministerpräsidenten am Freitagabend "die größte politische Versammlung seit dem Fall der Diktatur".

Von 1967 bis 1974 herrschte in Griechenland ein Militär-Regime. Die Herrschaft der Junta liegt also lange zurück. Aber seitdem vermochte es kein Politiker mehr, die Griechen derart zu elektrisieren wie Alexis Tsipras. Beim Reden reißt er seine beiden Arme in die Luft, mal ballt er dann die linke Faust, mal schleudert er seine Worte mit zwei ausgestreckten Händen dem überfüllten Syntagma-Platz entgegen. Die Menschen skandieren "Oxi, Oxi, Oxi". Es ist das "Nein, Nein, Nein", für das sie am heutigen Sonntag im Auftrag Tsipras' stimmen werden: Gegen die Sparpolitik und gegen die "Erpressung" durch ihre Feinde. Tsipras spricht gar von "Terrorismus", der in den vergangenen Tagen Griechenland erfasst habe. Und er sagt, niemand habe das Recht, "uns damit zu drohen, dass Griechenlands natürliches Territorium beschnitten werden kann". Sein Land war, sei und bleibe "die Quelle der europäischen Zivilisation".

Wer die Terroristen sind oder wer griechisches Territorium beschneiden will, sagt Tsipras nicht. Aber die meisten Griechen, die ihrem Ministerpräsidenten huldigen, wissen wer vor allem gemeint ist: die EU. Genauer: Deutschland. Oder noch genauer: Wolfgang Schäuble, der deutsche Finanzminister.

"GerMONEY
EUROpe?
NO!", steht auf einem der Plakate.

"JA zum WIDERSTAND", steht auf einem anderen. An mehrere Häuserwände rund um den Syntagma-Platz haben Oxi-Unterstützer riesige Eurozeichen neben Hakenkreuze gemalt. Dazwischen steht ein Gleichheitszeichen.

In ganz Athen hängen unzählige Wahlplakate, auf denen ein Porträtfoto von Wolfgang Schäuble zu sehen ist. "Fünf Jahre lang hat er dich ausgesaugt, sage ihm jetzt Nein", steht in Rot und Weiß darüber geschrieben. Einige dieser Plakate sind mit Hitler-Bärtchen bemalt.

Zu den offiziellen Syriza-Wahlplakaten zählen diese Dracula-Poster mit Schäubles Abbild nicht. Georgios Christoforidis, Herausgeber der linken Sonntagszeitung Der Trichter, hatte die Idee – und viele Tausende Plakate drucken lassen, die bis zum Wahltag "flächendeckend in ganz Griechenland aufgehängt" wurden. Eine Pressesprecherin der Partei sagt, ihr sei es egal, dass diese Tausenden Plakate neben den übrigen Wahlplakaten hängen. 

Syriza-Sympathisanten nehmen die Plakate jedenfalls als Wahlwerbung wahr, die dem Feind ein Gesicht gibt. Und ihr Ministerpräsident schürt diese Feindseligkeit mit Leidenschaft. Eine 17-Jährige mit deutscher Mutter und griechischem Vater, die Tsipras' Rede verfolgt hat, steht im Anschluss daran kurz wie paralysiert in der Menschenmenge. Es sei so mitreißend gewesen, er habe so patriotisch gesprochen. "Im ersten Moment hat es ein bisschen so wie Hitler gewirkt", sagt sie. Diese Worte rutschen ihr spontan aus dem Mund. Dann zuckt sie kurz zusammen, weil man so einen Vergleich eigentlich nicht ziehen möchte und darf. "Aber das waren meine ersten Gedanken."