Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras macht keinen Hehl aus seiner politischen Bewunderung für den in Lateinamerika verbreiteten "Sozialismus des 21. Jahrhunderts". Viele Elemente der Politik, die erst den jungen Hugo Chavez 1999 in Venezuela und später auch die ideologisch verwandten Rafael Correa in Ecuador und Evo Morales in Bolivien an die Macht brachten, sind heute in Griechenland wiedererkennbar.

Die wichtigste Parallele: Der auch "Chavismus" genannte Politikstil von Hugo Chavez und seiner Epigonen stellt die sozial Schwachen und Armen in den Mittelpunkt. Das historische Verdienst von Chavez ist, der bis dato kaum repräsentierten Bevölkerungsschicht aus den Armenvierteln eine Stimme gegeben zu haben. Er hat dies freilich auf Kosten einer Radikalisierung und Polarisierung der Gesellschaft und dem Ausschluss anderer, weiter Bevölkerungsschichten vom politischen Prozess getan.

Auch die Tsipras-Partei nennt in ihrer Kommunikation und Strategie diese Bevölkerungsschicht als ihre Kernklientel. Sie beruft sich darauf, die "Opfer" der EU-Sparpolitik zu vertreten; sie bilden das Wahlfundament der Partei. Ähnlich wie im Venezuela des jungen Chavez startete die einst linkssektiererische Partei im Januar mit einem atemberaubenden Wahlergebnis und einer gewaltigen Erwartungshaltung ihrer Wähler. So wie vordem Chavez in Venezuela versprachen Tsipras und sein flamboyanter Finanzminister Yanis Varoufakis ein Ende von Korruption und Klientelismus und die Befreiung von der "Knechtschaft" durch die Allmacht der ausländischen Troika. Und wie der venezolanische Caudillo benutzt Tsipras immer die Floskeln von "Würde" und "Respekt" des Volkes als Richtschnur ihrer Politik.

In Lateinamerika haben weite Teile der Opposition in den von Linksregierungen beherrschten Ländern es bis heute nicht vermocht, deren Politikstil einer vermeintlichen Identität von Regierung und Volk eine überzeugende Alternative entgegenzustellen. Und auch in Griechenland scheint die Opposition aus Konservativen und Sozialdemokraten nach dem Referendum am vergangenen Sonntag, das die Tsipras-Regierung eindrucksvoll bestätigt hat, wie gelähmt.

Sozialprogramme zur Wählerbindung

Ähnlich wie in Lateinamerika will nun auch die Syriza-Partei ihr potenzielles Wahlklientel langfristig an sich binden. Das funktioniert in der Regel über Sozialprogramme. Kritiker dieser Programme in Venezuela und anderen Ländern werfen den Regierungen vor, auf diese Weise Wähler zu kaufen. Besonders in Venezuela, aber auch in Brasilien unter der linken Arbeiterpartei, weniger ausgeprägt in Ecuador und Bolivien, ist über die Jahre eine Bevölkerungsgruppe entstanden, die von diesen Sozialprogrammen abhängig wurde. Diese Transferempfänger sind aus Angst vor Verlust dieser Zuwendungen die treuesten Wähler der Linksparteien.

Vor allem Venezuela konnte sich das leisten, solange die Ölpreise hoch waren und jahrelang Milliarden in die Staatskassen spülten. Die linke Regierung verpasste es aber in dieser Zeit, die Wirtschaft des Landes durch Investitionen in andere Bereiche unabhängig vom Öl und damit auch vom Ölpreis zu machen, um so die Sozialprogramme gegen Einnahmeausfälle abzusichern. Stattdessen setzte das Land mehr und mehr auf eine sozialistische Planwirtschaft, die allerdings inzwischen vor dem Zusammenbruch steht. Eine hohe Inflation trifft vor allem die ärmsten Bevölkerungsschichten, die sich im Vorfeld der Parlamentswahlen nun erstmals vom Sozialismus entfernen. 

Personenkult - Begeisterung für "Chavismo" in Venezuela lässt nach

Der Tsipras-Regierung ist der venezolanische Weg vorerst versperrt, da Griechenland pleite ist und über keine Bodenschätze oder andere Ressourcen verfügt, die es gewinnbringend exportieren kann. Aber auch Syriza hat Sozialprogramme speziell für Ärmsten der Armen versprochen und kämpft darum verbissen in den Verhandlungen mit den Gläubiger-Institutionen.