Ob es gleich der sprichwörtliche Sieg der Diplomatie über den Krieg sein muss, derart absolute Euphorie ist sicher nicht angebracht. Historisch ist das Atomabkommen mit dem Iran aber ohne Frage. Es markiert den Abschluss einer beispiellosen Anstrengung gegen alle Widerstände, auf allen Seiten.

Nach einem Jahrzehnt voller Rückschläge und Abbrüche waren die Verhandlungen erst vor knapp zwei Jahren wieder ernsthaft aufgenommen worden; am Ende mündeten sie in ein nächtelanges, gelegentlich aggressives Ringen um Details. Frist um Frist ließen die Unterhändler in Wien verstreichen, ein guter Deal schien allen wichtiger: Jetzt oder gar nicht, hieß es in den vergangenen Tagen immer wieder aus Diplomatenkreisen. Bis zuletzt galt beides: dass man einer Einigung nie näher war, aber eben auch dem grandiosen Scheitern.

Aus westlicher Perspektive war das Ziel klar: den Iran – möglichst lange – vom Bau der Bombe abhalten. Was in dieser Hinsicht grundsätzlich einen guten Deal ausmacht, ist schnell gesagt: Der Iran unterwirft sich den dafür nötigen technischen und inhaltlichen Beschränkungen seines Atomprogramms, transparent und durch fortwährende Kontrollen sichergestellt. Im Gegenzug werden die Sanktionen gelockert, vorsichtig und vor allem reversibel: Werden die Auflagen nicht erfüllt, treten die Strafmaßnahmen wieder in Kraft.

Kontrolle statt Vertrauen

Wie gut das Abkommen wirklich geeignet ist, das militärische Nuklearpotenzial des Irans zumindest einzuhegen, ist heute noch nicht zu beantworten. Das zu beurteilen, wird ein Prozess sein. Erst die Umsetzung der getroffenen Vereinbarungen wird nach und nach die Berechnungen verändern, wie schnell das Land theoretisch Atomwaffen bauen könnte. Dass der Iran danach strebt, stand für die westlichen Verhandler nie außer Frage.

Lange bevor sich abzeichnete, dass ein Deal überhaupt möglich sein würde, hatten sich seine Gegner formiert. Ihre Befürchtung war immer, dass ein Abkommen dem Iran den Weg zur Bombe nicht nachhaltig verstellen werde, sondern diese Entwicklung nur minimal verlangsame. Je weniger das Abkommen auf echter Kontrolle und je mehr es auf Vertrauen beruhe, desto größer sei die Bedrohung. Wenn gleichzeitig dennoch die Sanktionen zurückgefahren würden und das Land seinen Paria-Status ohne bereits erfolgte Gegenleistung verliere, stärke man den Iran nur, ohne wirklich etwas erreicht zu haben. Konkret: Die wegfallenden Handelsbeschränkungen gäben dem Regime Milliarden in die Hand, die doch nur in Waffen umgesetzt würden und dem brutalen Kampf um die regionale Vorherrschaft dienen könnten – wenn nicht gar Israel in Gefahr brächten.

Von dort kamen die Reaktionen denn auch schnell und eindeutig. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nannte das Abkommen einen "schlimmen Fehler historischen Ausmaßes". Der Iran habe den Jackpot gewonnen, sei auf dem sicheren Weg, Atomwaffen zu erlangen, und werde Aggression und Terror weiter vorantreiben. Verteidigungsminister Mosche Jaalon hatte bereits zuvor erklärt, nun müsse Israel darauf vorbereitet sein, sich allein zu verteidigen.

Alle müssen den Deal verteidigen

Vorerst werden die Israelis kaum einen militärischen Alleingang wagen, auch wenn dieses Szenario in den USA nicht ausgeschlossen wird. Doch sie heizen schon jetzt den politischen Kampf gegen das Abkommen an, dessen Front in Washington verläuft. Der Kongress hat nach der Einigung nun 60 Tage Zeit, die Vereinbarungen zu überprüfen und eine Resolution dazu zu verabschieden. Lehnen die Abgeordneten den Deal ab, kann Präsident Barack Obama innerhalb von zehn Tagen sein Veto einlegen – wie er es bereits angekündigt hat. In beiden Kammern wäre dann eine Zweidrittelmehrheit erforderlich, um ihn noch zu verhindern.

Dass es so weit kommt, gilt zwar als äußerst unwahrscheinlich, doch Netanjahu wird mit allen Mitteln versuchen, die Abstimmung zu beeinflussen. Verbündete hat er vor allem unter den Republikanern, die im Kongress die Mehrheit stellen, und von denen viele Teheran ebenso misstrauen wie die Israelis. Und dann sind da noch die Saudis, denen eine beginnende Normalisierung im Verhältnis zwischen den USA und dem Iran große Sorgen bereitet, sowie schließlich die Hardliner im Iran selbst, die sich dem Abkommen entgegenstellen werden.

Alle Beteiligten werden den Deal also verteidigen müssen. Und vor allem der Iran muss den Absprachen Taten folgen lassen. Wenn die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sagt: "Wir schaffen die Bedingungen, um Vertrauen aufzubauen", trifft sie sehr genau, was in Wien erreicht wurde und was eben nicht. Das Abkommen kann nur ein Anfang sein. Es ist alles andere als perfekt, und es löst den Atomstreit nicht mit einem Schlag. Aber es schafft einen Mechanismus, der es dem Iran ermöglicht, die Welt von seinen friedlichen Absichten zu überzeugen. Es ist eine Chance für dieses Land, seine Beziehungen zum Westen auf eine völlig neue Grundlage zu stellen.

Für Obama ist es der Vollzug des Versprechens, das er in seiner ersten Rede als Präsident im Januar 2009 gegeben hatte: dass die USA bereit seien, selbst jenen Regimen, die sich durch Korruption, Täuschung und die Unterdrückung jeden Widerstands an der Macht hielten, die Hand zu reichen – wenn sie gewillt seien, ihre ausgestreckte Faust zu öffnen. Der Iran hat dieses Angebot vorerst angenommen.

So optimistisch wie der US-Präsident darf man vielleicht nicht sein: Schon jetzt verkündet er überschwänglich, die Verbreitung von Atomwaffen im Nahen Osten sei mit dem Abkommen gestoppt – und für den Iran sei jeder Pfad zur Bombe abgeschnitten. Doch er dürfte recht haben, wenn er den Abgeordneten und der amerikanischen Bevölkerung sagt, sie müssten sich die Alternative vor Augen halten. Erinnern wir uns an Nordkorea, das sich seit dem Scheitern der Atomgespräche 2008 nicht mehr auf einen neuen Versuch eingelassen hat. Und dann hoffen wir das Beste.

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