Schützengräben und Stacheldraht, ein paar Container, in den ukrainischen Nationalfarben blau-gelb gestrichen. Steinquader mit roten Pfeilen versperren den Weg. Sandsäcke sind aufgetürmt, mit Anweisungen, mit Filzstift hingekritzelt: "Fußgänger rechts halten!" Der Übergang von der Ukraine auf die Halbinsel Krim – hier, am Grenzpunkt Armjansk, wirkt er nicht wie eine Grenze, sondern wie eine Barrikade.

Eine Barrikade, das ist sie auch für Michail. Seit 20 Jahren bringt der drahtige, schon ergraute Lkw-Fahrer Fuhren von der Südukraine auf die Krim. Die Grenze, die hier im vorigen Jahr mit der russischen Annexion der Krim entstanden ist, ist für ihn seither vor allem eines: Grund für alltägliche Ärgernis. "Einmal bin ich zehn volle Tage im Stau gestanden", erzählt er. Zehn Tage Essen aus der Konserve, zehn Nächte auf der harten Pritsche. Staus und Wartezeiten von Stunden, manchmal auch Tagen, sind hier keine Seltenheit. Für die 260-Kilometer-Strecke zwischen seiner südukrainischen Heimatstadt Cherson und der Krim-Hauptstadt Simferopol hat er seitdem immer eines dabei: einen Gaskocher.

Hier, im Niemandsland, durchschnitten nur von den flachen Buchten, den Ausläufern des Asowschen Meers – wegen des hohen Salzgehalts auch "faules Meer" genannt – ist vor einem Jahr eine neue Grenze entstanden. Eine Staatsgrenze, so sieht das Moskau. Eine "administrative Grenze zu einem vorläufig besetzten Gebiet" nennt es hingegen der ukrainische Grenzdienst.

LKW-Fahrer Michail © Simone Brunner

Es ist gar nicht so das Warten, das Michail stört. Zum Glück wird er mittlerweile nicht mehr pro Fuhre, sondern pro Tag bezahlt. Es ist vielmehr die Unsicherheit, die über dem Grenzpunkt liegt. "Hier kann sich die Lage jeden Tag ändern – ein neues Gesetz da, ein neues Dokument dort", klagt Michail. Dann staut es sich wieder vor den notdürftig aufgestellten, klapprigen Grenzbalken.

So alt wie der Ausbruch des Ukraine-Konflikts ist die Frage, wie Kiew mit der Grenze umgehen soll. Im Dezember wurde zwischen dem Festland und der Krim der Eisenbahnverkehr eingestellt. Die Kiewer Behörden begründeten diesen Schritt mit Sicherheitsbedenken, russische Soldaten könnten so leichter in die Ukraine eindringen.

Obwohl viele Geschäftsverbindungen zwischen der Ukraine und der abtrünnigen Halbinsel abgebrochen sind, gibt es durchaus noch Handel. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres sollen laut Ukrainischer Staatlicher Statistikbehörde Waren im Wert von mehr als 300 Millionen Dollar auf die Krim geliefert worden sein. Ein Großteil davon Gemüse und Fleisch. Seit der Annexion der Krim ist die Versorgungslage auf der Halbinsel schwierig geworden: Eine direkte Verbindung nach Russland gibt es nur über die Meerenge von Kertsch. Die Preise auf der Krim sind seit der Annexion in die Höhe geschossen. Immer wieder gibt es Meldungen zu Engpässen bei der Wasser- und Stromversorgung.

Hätte die Grenze einen Soundtrack, dann müsste er so klingen: Das Rollen von Koffern über glühend heißen Asphalt. Seit Kiew den Eisenbahn- und auch den direkten Busverkehr eingestellt hat, überqueren die Passagiere den Grenzpunkt zu Fuß. 1,3 Millionen Grenzübertritte hat es laut ukrainischem Grenzdienst allein in diesem Jahr schon gegeben. Familien wurden durch die neue Grenze getrennt. "Seit 30 Jahren pendle ich nun schon hin und her", sagt Natalja, eine schlanke Frau mit kurzen Haaren. Ihre Mutter und ihr Sohn wohnen auf der Halbinsel, sie selbst auf der ukrainischen Seite. Bis zur Krim-Krise hat ihr Sohn in einem US-Unternehmen gearbeitet. Mit den Sanktionen zog sich das Unternehmen von der Krim zurück – Nataljas Sohn ist jetzt arbeitslos. "Es ist hart, dass die Sanktionen meinen Sohn direkt treffen. Aber prinzipiell ist es richtig – man kann nicht sich nicht einfach so ein Land schnappen."

Eine Ambivalenz hängt über der Krim-Frage: Die Tür endgültig zuschlagen – oder doch noch einen Spalt offen halten? 14 Abgeordnete haben im Juni einen Gesetzesentwurf in das ukrainische Parlament eingebracht, um eine weitgehende Blockade der Krim durchzusetzen. Ein notwendiger Schritt, um die Sicherheit im Land zu erhöhen – und die "Besetzer" nicht weiter zu "füttern", sagen die Initiatoren. "Das Gesetz würde die Reisefreiheit für viele ukrainische Familien massiv einschränken", kritisiert hingegen Olga Skrypnik von der Krim-Mission für Menschenrechte. "Dieses Gesetz führt außerdem zu einem Bruch der sozialen Beziehungen zwischen der Krim und dem ukrainischen Mutterland." Es ist eine Grundsatzfrage: Freiheit oder Sicherheit? Ähnliche Diskussionen hatte es zuletzt auch in der Frage um den Donbass gegeben. Dort wurde Mitte Juni der öffentliche Verkehr in die Separatistengebiete eingestellt.