Massud Barsani, der Staatschef der autonomen Regierung in Kurdistan, wollte den Kurden in der Türkei mal etwas sagen, und zwar "für die Geschichte". Seine Regierung sei so guter Dinge gewesen für die Lage zwischen Türken und Kurden in der Türkei. "Aber leider", so Barsani, "wurden gewisse Parteien zu arrogant." Damit meint er die PKK, die Arbeiterpartei Kurdistans, die jahrzehntelang gewaltsam gegen die Unterdrückung der Kurden und vor allem gegen den türkischen Staat gekämpft hat und es seit einigen Tagen wieder tut. Er verurteilt die Gewalt, wettert aber vor allem gegen diejenigen, die gerade auf seinem Regierungsgebiet bombardiert werden

Barsanis Statement ärgert viele Kurden in der Türkei – und verwundert all jene, die die Kurden für eine Einheit halten. Wie jetzt, die Kurden stehen nicht Schulter an Schulter gegen die Türkei? Verurteilen nicht einstimmig die Bombenangriffe des türkischen Militärs im Nordirak und der Türkei und bejubeln die Morde der PKK an zehn Polizisten und Soldaten?

Warum sollten sie auch. Die Kurden sind nicht die homogene Masse, als die sie in der Öffentlichkeit oft erscheinen. Es beginnt schon mit der Sprache. Sie sprechen vier verschiedene Dialekte: Kurmandschi, Sorani, Zazaki und Gorani. Für einen Kurmandschen klingt Sorani so vertraut wie für einen Österreicher Plattdeutsch. Die Dialekte haben verschiedene Aussprachen, Begriffe, grammatische Besonderheiten und sogar verschiedene Schriften. Die Kurden haben verschiedene Religionen, politische Strukturen und extrem unterschiedliche Vorstellungen von Staatsformen. Und vor allem: Kaum jemand glaubt noch an einen gemeinsamen kurdischen Staat. Das Trauermärchen von der zerschlagenen Hoffnung darauf feiert bald seinen 100. Geburtstag. Was in einem Jahrhundert nicht geschah, wird wahrscheinlich auch in absehbarer Zukunft nicht gelingen, und die meisten Kurden wissen das. Sie wissen nur zu gut um ihre internen Unterschiede. Zu weit die Distanzen, zu groß die Differenzen.

Zwar identifizieren sich trotz aller Assimilitationspolitik die meisten Kurden über ihre kulturelle und ethnische Zugehörigkeit. Kurde-Sein ist wichtig, allerdings vor allem, um sich vom jeweiligen Nationalstaat abzugrenzen, von dem sie unterdrückt werden oder wurden. Untereinander herrscht jedoch teilweise eine tiefe alte Feindschaft, die durch die Aufteilung auf vier verschiedene Staaten noch unüberbrückbarer scheint. Die größtenteils nationalkonservativen Kurden im Irak belächeln die türkischen Kurden gerne als ungebildete Tirkmandschen, also als eine Mischung aus Kurmandschen und Türken. Gerne lästern sie über deren schlechtes Kurdisch, ein Resultat der brutalen Assimilationspolitik des türkischen Staates, das die Sprache fast aussterben ließ. Viele fühlen sich überlegen, weil die PKK in ihrem 30 Jahre andauernden Kampf nicht geschafft hat, was Barsanis Rebellen gelang: Auf einem Stück Land zu leben, das sich Kurdistan nennen darf. 

Viele Kurden in der Türkei verachten die irakischen Kurden wiederum als geldgierig, feudal und arabisiert, was sie als Schimpfwort verstehen. Die Peschmerga, die Kämpfer im irakischen Kurdengebiet, heutzutage seien nutzlos und "fett". Jeder erklärt, der jeweils andere Teil sei eigentlich nicht wirklich Kurdistan. Was den Nordkurden, also denen aus der Türkei, wohl am meisten aufstößt, ist Barsanis Gentleman-Haltung gegenüber der Türkei.

Die Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak pflegt gute Handelsbeziehungen zu Ankara. Nach jahrzehntelangem Kampf sind die Kurden im Irak die einzigen, die eine ökonomisch stabile und vergleichsweise sichere Autonomie erreicht haben. Sie sind auch die Region mit dem neuntgrößten Erdölvorkommen weltweit. Die kurdische Regierung streitet sich mit Bagdad über umstrittene Gebiete, die Verteilung der Öleinnahmen und über die Zahlung staatlicher Gelder. Die Türkei ist nicht nur einer der größten Investoren, sondern in der aktuellen geografischen Krise auch der einzige Exportweg für Iraki-Kurdistan. 

 Barsani hat erkannt, wie wichtig die Türkei für die Existenz seiner Unabhängigkeit ist und hat sich in den vergangenen Jahren eine Vermittlerrolle erarbeitet. Er versicherte der türkischen Regierung, dass von seiner Seite aus keinerlei Gefahr bestünde und versuchte, mäßigend auf die kurdischen Parteien in Syrien und in der Türkei einzuwirken. Wer gute Beziehungen mit der Türkei will, und das weiß auch Barsani, der hält sich von der PKK fern. Es wirkt. Die Internetseite des kurdischen, Barsani-nahen Senders Rudaw ist zum Beispiel momentan eines der wenigen kurdischsprachigen Onlinemedien, die sich von der Türkei aus aufrufen lassen. Die meisten kurdischen Websites sind gesperrt.

Zwar bestreitet die Regierung im Nordirak, von den jüngsten Bombenangriffen der Türkei auf PKK-Ziele gewusst zu haben, verurteilte aber den aktuellen Gewaltausbruch und mahnt, den Friedensprozess weiterzuführen. Der Vorwurf der Arroganz an die PKK kann nicht nur in Bezug auf die Türkei, sondern auch auf ihre Haltung zu den Peschmerga verstanden werden. Schließlich beschädigten PKK-Kämpfer vergangenen Sommer empfindlich das Image von Barsanis Milizen, denn es waren Kämpfer der PKK und der syrisch-kurdischen YPG-Kämpfer, die im August 2014 recht prominent die Jesiden von dem Berg Sindschar und so vor den Mördern des IS retteten.

Die Hoffnung auf einen großen kurdischen Staat ist schon lange tot

Aber schon vorher war die Stimmung zwischen den kurdischen Gruppierungen schlecht. Die Regierung im Nordirak beteiligte sich gemeinsam mit der Türkei am Wirtschaftsembargo für die 2013 entstandene kurdische Quasi-Autonomie Rojava in Nordsyrien, die dort jetzt den Kampf gegen die IS-Terroristen anführt. Der syrisch-kurdischen Regierungspartei PYD (Partei der Demokratischen Union) wird außerdem zumindest ein pragmatischer Umgang mit dem Assad-Regime vorgeworfen, wenn nicht gar Unterstützung. Dass sie der PKK nicht nur nahesteht, sondern sich teilweise personell und ideologisch mit ihr deckt, dementieren PYD-Politiker mit bemerkenswerter Ausdauer.

Es ist nicht schwer, Kurden gegeneinander auszuspielen, und es gelang schon den verschiedensten Machthabern in der Vergangenheit. Im Krieg zwischen dem Iran und Irak in den 1980er Jahren etwa kämpften Irans Kurden aufseiten Bagdads und die irakischen Kurden aufseiten Teherans. Später suchten Iraks verfeindete Kurdenführer, einer davon Massud Barsani, in ihren internen Machtstreitigkeiten Hilfe bei Saddam Hussein. Zu unüberwindbar scheinen die internen Interessen einzelner Gruppen oft zu sein.

Die Hoffnung auf einen großen kurdischen Staat, in dem alle gemeinsam friedlich und zufrieden leben, ist schon lange tot. Selbst die PKK kämpft nicht mehr für einen Staat, sondern für eine föderale Autonomie in der Türkei. Die PYD in Syrien legt ebenfalls Wert darauf, keinen Staat zu gründen, sondern autonome Kantone. Auch Barsanis KDP vermeidet angesichts der IS-Krise und aus Rücksicht auf Ankara den Ausbau seiner Autonomie in einen Nationalstaat. 

Wie genau die jeweilige kurdische Autonomie aber aussehen soll, auch darüber gehen die Vorstellungen auseinander. Die PKK träumt immer noch von einem marxistisch-leninistisch organisierten Lebensform. Die PYD ist die moderne Variante dessen und setzt sich zumindest offiziell für eine Regierung ein, die sich aus Repräsentanten aller ethnischen und religiösen Gruppen zusammensetzt. Wie auch in der prokurdischen Partei HDP in der Türkei, gerne als der legale politische Arm der PKK gehandelt, teilen sich je ein Mann und eine Frau alle politischen Führungspositionen. Das wiederum wäre undenkbar im irakischen Kurdistan. Dort ist das Wirtschaftssystem liberal und nicht sozialistisch, und die meisten wichtigen Repräsentanten in der Regierung sind männliche kurdische Sunniten, gerne aus dem Barsani-Klan.

Zudem sind all jene Gruppierungen in der Türkei, im Irak und in Syrien ursprünglich oder immer noch politische Bewegungen, Rebellen. Sie kommen aus der Unterdrückung und kennen den Kampf gegen ein System, aber sie kennen keine Koalition mit politisch gleichberechtigten Partnern und Gegenspielern. 

Um es noch komplizierter zu machen, lassen sich die Kurden auch nicht je nach Nationalstaat einer politischen Orientierung zuzuordnen. In den Grenzgebieten Syriens und der Türkei beispielsweise leben viele Anhänger des Irakers Barsani. Dazu kommt noch die kurdische Hisbollah, die zwar kurdisch ist, aber auch islamistisch. Und ja, manche Kurden sind auch einfach unpolitisch. Unter vielen ist die Solidarität mit den kurdischen Flüchtlingen aus dem Irak und aus Syrien enorm, andere wiederum verachten sie. Vielen ist es sehr wichtig, Kurde zu sein, anderen weniger wichtig. 

Von "den Kurden" kann also auf der sowieso schon schwer zu überblickenden Lage im Nahen Osten keine Rede sein, von einem Kurdistan schon gar nicht. Eine solche Vereinfachung übersieht nicht nur die inneren Konflikte zwischen Kurden, sondern versucht sie auch auf eine Einheitlichkeit zu reduzieren, die sie nicht haben und wohl nie haben werden.

Wie die kurdische Gemeinde in Deutschland zur türkischen Offensive steht, erfahren Sie im Video.