Es war heiß an jenem Tag, als wir die Absturzstelle der Boeing 777 von Malaysia Airlines in der Ostukraine suchten, denn zufällig waren wir gerade auf Recherche etwa 130 Kilometer von der Unglücksstelle entfernt. Doch es gab nicht den einen Unglücksort, sondern viele; die Teile des Wracks lagen kilometerweit über Weizen- und Sonnenblumenfelder verstreut, das Flugzeug muss noch in der Luft auseinandergebrochen sein. 298 Menschen starben am 17. Juli 2014, die meisten waren Niederländer. Heute jährt sich das Unglück zum ersten Mal, das jede Illusion darüber zerstörte, dieser Krieg sei eine ukrainische Angelegenheit und ginge Europa nichts an.

Als wir damals ankamen, spürten wir Überforderung. Entsetzen schien über dem zu liegen, was geschehen war, und für wenige Augenblicke brach die Kriegslogik auf, die vorgibt, wer Feind und wer Freund ist. Da war der junge Separatist mit Kalaschnikow, der sich schämte, als er darüber sprach, dass Wertsachen der Opfer geplündert worden waren. Da waren die Bewohner des Dorfes Hrabowe, die an Wrackteilen Blumen niederlegten und beteten. Da waren die Kohlekumpel, Männer des Donbass, die nach ihrer Schicht in den Feldern Leichen suchten. Später hielten sie Rast und saßen beisammen, rund 30 Männer mit verrußten Gesichtern. Sie waren nicht einer Meinung darüber, auf welcher Seite sie stehen, und am liebsten wollten sie gar nicht über Politik diskutieren. Aber helfen, das wollten sie, also bargen sie die Überbleibsel der Menschen in schwarze Plastiksäcke.

Doch es breiteten sich die anderen Eindrücke aus: Die Koffer der Opfer waren zum Teil geplündert und die Kreditkarten gestohlen worden; Whisky-Flaschen aus dem Duty-Free-Shop waren geleert, die, welch Absurdität, den Fall aus Tausenden Metern Höhe überstanden hatten. Der bärtige Separatist, der später Weltruhm erlangte, als er ein Kuscheltier hochhielt, fuchtelte stockbetrunken mit seiner Maschinenpistole vor uns herum. Und die OSZE-Beobachter wurden zunächst nicht zur Unfallstelle durchgelassen und wenn doch, dann nicht für lange und nur eskortiert von Bewaffneten.

Wir haben auch erlebt, wie Journalisten versagten, vielleicht wegen des Drucks oder wegen Überforderung. Es gab einen Reporter, der vor laufender Kamera Gepäckstücke der Opfer durchwühlte; andere trampelten Absperrungen nieder, weil sie für ihren Aufsager vor Wrackteilen posieren wollten. Wieder andere gingen so weit, die Toten zu zeigen, als gäbe es nicht in einem anderen Teil der Welt, in dem niederländischen Ort Hilversum oder in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, Väter oder Ehefrauen, die immer noch nicht wussten, was mit ihren Angehörigen geschehen war, aber diesen Bildern nie mehr entkommen werden.

Und schließlich folgte sogleich der Deutungskampf um Schuld und Verantwortung. Keine Seite hat Zurückhaltung bewiesen, aber die russische Seite warf enorm viele Nebelkerzen. Erst brüstete man sich in einem Account, der dem russischen Geheimdienstler Igor Girkin zugeschrieben wird, man habe ein Flugzeug abgeschossen und im Übrigen alle gewarnt, nicht "in unserem Himmel" zu fliegen – der Eintrag wurde später gelöscht. Dann behauptete die russische Seite, ein ukrainischer Kampfjet habe die Maschine abgeschossen. Als mit dem Zwischenbericht der Niederländer klar wurde, dass womöglich eine Buk-Rakete für den Absturz verantwortlich war, schwenkten russische Medien um: Eine ukrainische Buk war's, jetzt angeblich eine israelische Rakete. Die Verwirrung wirkte. Viele Leser schrieben mir verunsichert, welche der unzähligen Meldungen denn nun stimmten. Andere waren wütend, weil sie das Gefühl hatten, hier fänden Vorverurteilungen statt.

Indizien sind keine Beweise

Es bleibt unbestritten, dass schon von Beginn an viele Indizien nahelegten, die Verantwortung für den Abschuss bei den Separatisten zu suchen. Russlands Behauptung, es habe nie Buk-Raketen an die Separatisten geliefert, wurde durch einen Report des Bloggers Eliot Higgins widerlegt. Laut CNN soll im Abschlussbericht einiges darauf hinweisen, dass eine russische Buk aus dem Separatistengebiet abgeschossen worden sei. Doch Indizien sind noch keine Beweise, und der Abschlussbericht wird erst im Oktober veröffentlicht. Gerade wir Journalisten dürfen Vermutungen nicht als Gewissheiten etikettieren, Indizien nicht zu Beweisen machen, so plausibel sie auch sind.

Selbst wenn der Abschlussbericht vorliegen wird, es werden wohl Fragen offenbleiben. Womöglich werden die Angehörigen der Opfer mit sehr vielen Konjunktiven leben müssen, die für sie nicht zu ertragen sind. Doch eine Frage könnte Wladimir Putin schon jetzt leicht beantworten. Putin ist davon überzeugt, dass die Ukrainer schuld sind am Abschuss der Boeing 777. Warum lehnt er dann selbst ein Jahr nach dem Abschuss der Boeing 777 eine internationale Untersuchung durch ein UN-Tribunal ab – mit dem lapidaren Hinweis, das sei zu "voreilig"?