ZEIT ONLINE: Sie und ihre Mitstreiter des Bellingcat-Recherchenetzwerks haben viel geleistet, um russische Propaganda und Falschinformationen zu entlarven. Wie gut lügt der Kreml?

Eliot Higgins: Die russischen Propaganda-Aktivitäten haben nicht das Ziel, eine Gegenerzählung zu etablieren. Es geht darum, so viele Erzählungen wie möglich zu verbreiten, sodass die Menschen zu dem Schluss kommen: Wir können unmöglich sagen, was die Wahrheit ist. Es geht nicht darum, eine alternative Wahrheit zu präsentieren, die Botschaft ist: Man kann nicht wissen, was die Wahrheit ist. Ich glaube, der einzige Weg, dem etwas entgegenzusetzen, ist darüber zu schreiben, was die Fakten sind. Einfach zu sagen: Okay, das ist, was sie behaupten – und das sind die Fakten, das ist, was wir nachweisen können. Da wird so viel Zeug ausgestoßen, das nachweislich falsch ist, es ist nicht besonders schwer, das zu beweisen. Aber die Frage ist eigentlich: Wie effektiv ist das gegen die Art von Propaganda, die Russland produziert?

ZEIT ONLINE: Es mag nicht schwer sein, die Propaganda zu widerlegen, aber wenn so viele Erzählungen mit der Wahrheit konkurrieren: Wie lenken Sie die Aufmerksamkeit auf die Fakten?

Higgins: Wenn Sie sich den Bericht ansehen, den wir mit dem Atlantic Council veröffentlicht haben, ist es so: Der russische Präsident Wladimir Putin und seine Regierung sagen, in der Ukraine gebe es keine russischen Truppen und kein russisches militärisches Equipment, und wir können anhand von Beweisen zeigen, dass das nicht stimmt. Aber wir veröffentlichen diese Erkenntnisse nicht nur auf unserer Website und in den Medien, wir treten an Regierungen heran, sprechen mit verschiedenen Organisationen, politischen Entscheidungsträgern. Es verblüfft mich einfach, wenn immer noch jemand sagt: Nun, wir wissen nicht, ob russische Truppen in der Ukraine sind. Diese Leute sitzen in Regierungen! Und wir sagen ihnen: Hier sind die Beweise.

ZEIT ONLINE: Für Ihre Reputation ist es wichtig, dass diese Arbeit unabhängig bleibt. Gleichzeitig arbeiten sie mit verschiedenen Organisationen zusammen, etwa dem Atlantic Council. In diesem Konflikt, in dem russische Propaganda alles, was eine gewisse Nähe zu den USA hat, sich zu transatlantischer Kooperation bekennt oder überhaupt für "den Westen" steht, als negativ darstellt – ist das ein Problem?

Higgins: Russland macht das auch mit den Organisationen im eigenen Land. Wenn Sie nicht sagen, was die russische Regierung von Ihnen hören will, sind Sie gleich ein ausländischer Agent.

ZEIT ONLINE: Und die Organisationen, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Higgins: Es ist offensichtlich, dass verschiedene Organisationen unterschiedliche Prinzipien und Ziele haben. Ich habe mit Organisationen wie Human Rights Watch zusammengearbeitet, und selbst da sagen viele Leute: Die werden doch von diesem Typen finanziert, und das bedeutet... Sie wissen schon. Solche Verschwörungstheorien bekomme ich routinemäßig zu hören. Aber die Leute können unsere Arbeit ansehen und sie können selbst alles überprüfen. Wir sagen nicht: Wir haben geheime Informationen, die uns dies oder das zeigen. Wir sagen: Geht auf Google Earth, schaut es euch selbst an.

ZEIT ONLINE:
Welches Publikum wollen Sie mit ihrer Arbeit erreichen?

Higgins: Ich habe ein sehr breites Publikum. Ich werde ständig von allen möglichen Organisationen angesprochen, von Regierungsinstitutionen, Abgeordneten, politischen und gesellschaftlichen NGOs, von journalistischen Organisationen, selbst von der Polizei. Wir haben Beweise zusammengetragen über den Abschuss des Flugs MH17 über der Ostukraine, die wir an die niederländische Polizei weitergegeben haben, die dazu ermittelt. Bis zum 17. Juli 2014 habe ich mich mit meiner Arbeit hauptsächlich auf Syrien konzentriert. Für die Ukraine interessiere ich mich wegen dem, was mit MH17 passiert ist.

ZEIT ONLINE: Bekommen Sie Feedback aus Russland?

Higgins: Russia Today und Sputnik greifen meine Arbeit an – man könnte sagen, das ist ihr Feedback. Es ist eine Anerkennung unserer Existenz.

ZEIT ONLINE: Ich dachte eher an Rückmeldungen aus der Bevölkerung.