Mullah Mohammed Omar wurde schon so oft für tot erklärt, dass es auch dieses Mal nur ein Gerücht sein könnte. Aber dieses Gerücht hat längst eine eigene Dynamik entwickelt. Seit Jahren wird über den Verbleib des afghanischen Taliban-Anführers spekuliert. Über den Verbleib jenes Mannes, der die Gotteskrieger in der Region schon seit 20 Jahren anführt, der schon de facto Staatschef von Afghanistan war und dann mit seiner Gruppe zum Ziel der Nato-Angriffe nach dem 11. September 2001 wurde. 

Zuletzt hatten die Gerüchte um Omars Tod neuen Auftrieb erhalten, als eine Splittergruppe der Islamisten behauptete, er sei bereits vor zwei Jahren von ihr ermordet worden; den Beweis blieb sie schuldig. 

Genau das aber bestätigten nun Vertreter der afghanischen Regierung, die sich auf pakistanische Behörden und Taliban-Quellen berufen, wie auch afghanische Geheimdienstangaben: Omar sei damals in einem Krankenhaus im pakistanischen Karatschi unter ungeklärten Umständen gestorben. Ob er dort wirklich einer Krankheit erlag oder ob rivalisierende Taliban-Kommandeure ihn ermordeten, beide Versionen kursieren weiterhin.

Unsichtbar ist Omar, der Taliban-Anführer, schon sehr lange. 2001 soll er in Pakistan untergetaucht sein, nachdem die USA als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September Afghanistan angriffen und das Taliban-Regime stürzten. Bis dahin hatten sie das Land seit 1996 fast vollständig beherrscht und auch dem mit Omar eng befreundeten Al-Kaida-Chef Osama bin Laden Unterschlupf gewährt, den sie auf keinen Fall ausliefern wollten. Auf Omar setzten die USA ein Kopfgeld in Höhe von zehn Millionen Dollar aus, ohne Erfolg.

Der Zeitpunkt der neuerlichen Todesnachricht ist heikel. Noch in dieser Woche sollte eine zweite Runde der offiziellen Friedensverhandlungen zwischen der afghanischen Regierung und Taliban-Vertretern stattfinden, die Anfang Juli erst begonnen hatten. Denn besiegt sind die Taliban auch 13 Jahre nach den ersten US-Angriffen noch immer nicht. 

Nicht alle Taliban stehen hinter den Gesprächen, die zerstrittenen Lager drohen endgültig auseinanderzufallen, sollte der große Anführer wirklich tot sein – der es immerhin vermocht hatte, auch nach dem Zerfall des afghanischen Emirats die Taliban zusammenzuhalten.

Zuletzt war die Skepsis gewachsen. Akhtar Mohammed Mansur, der de facto längst das Tagesgeschäft von Omar übernommen hatte, war es immer schwerer gefallen, die Gerüchte von dessen Tod zu zerstreuen. Er steht für jene Fraktion der Taliban, die einen Ausgleich verhandeln wollen und sich in den afghanischen Staat einbinden lassen könnten. Auf der anderen Seite sammeln sich die Hardliner um den kürzlich entmachteten militärischen Führer der Taliban, Abdul Kajum Sakir, und den ältesten Sohn Omars, Mullah Mohammed Jaqoob, der offenbar das Erbe seines Vaters antreten will. Sie setzen weiter auf den bewaffneten Kampf und lehnen den Friedensprozess ab. Mit Omars möglichem Tod dürfte auch der Konflikt zwischen diesen Gruppen aufbrechen.

Dass die Friedensgespräche trotz der Spaltung der Taliban überhaupt eine ernsthafte Chance darstellten, dafür soll Mullah Omar selbst gesorgt haben. Zum Auftakt am 7. Juli wurde eine angebliche Mitteilung von ihm verbreitet, in der er die Verhandlungen für legitim erklärte – anders als früher, als er alle Bemühungen etwa der Amerikaner um einen Dialog mit den Taliban strikt abblockte. Seine Worte waren von entscheidender Bedeutung: Zum Ende des Ramadans, das war auch diesmal der Anlass, hatte er seit Jahren immer eine Botschaft an seine Anhänger gerichtet, und als ihr Führer auch im Religiösen, als Amir al-Muminin (Herrscher der Gläubigen), galt sein Urteil. Wenn er denn noch lebte.

Parallelen zu Al-Kaida

Ohne endgültigen Beweis ist Omars Tod kaum zu bestätigen. Dass er aber noch lebt, ist ebenso fragwürdig. Seit dem Sturz der Taliban-Herrschaft in Afghanistan und seiner Flucht hat sich der ohnehin öffentlichkeitsscheue Mullah nicht mehr gezeigt. Fotos oder gar Videobotschaften kamen für ihn aus religiösen Gründen nicht infrage. Seine wenigen, aber regelmäßigen Nachrichten bedienten sich zuletzt nur noch der schriftlichen Form. Bis vor einigen Jahren aber sollen laut Taliban-Kreisen noch Audioaufnahmen von ihm in Umlauf gebracht worden sein – sollte er wirklich noch leben, warum lässt er nicht auf diese Art von sich hören?

Der Streit um die Friedensgespräche hat offenbart, wie sehr die Talibanbewegung von einem charismatischen Führer wie Mullah Omar abhängt – selbst wenn er weitgehend unsichtbar bleibt. Was dessen Verlust auslösen kann, ist bekannt: Auch Al-Kaida verlor nach dem Tod Osama bin Ladens an Einfluss und Stärke. Die Taliban haben zwar anders als das Terrornetzwerk keine globalen Ambitionen, sondern beschränken ihre Ziele ausdrücklich auf Afghanistan. Doch etwas anderes verbindet die beiden alten Organisationen, deren Anführer einmal Freunde waren: Viele ihrer Anhänger – übrigens auch jene Splittergruppe, die Omar ermordet haben will – haben sich nach und nach dem "Islamischen Staat" zugewandt, der dadurch noch größer und stärker wurde. Und dessen Anführer Abu Bakr al-Baghdadi ist durch Videos seiner Reden und der Taten seiner Kämpfer präsenter denn je.