Nach der Flucht aus Merza sind diese Jesidinnen auf einer Großbaustelle im nordirakischen Zahko untergekommen. © Michael Stürzenhofecker

Zwei Dollar kostet die Flucht in der nordirakischen Stadt Dohuk. So viel bezahlen die Menschen am Eingang des Vergnügungsparks Dream City im Zentrum der Kurden-Metropole, um dem Alltag zu entkommen, um sich wegzudenken. Kinder jauchzen und kreischen in den Fahrgeschäften, arabischer Pop legt sich darunter, Tausende bunte Lampen blinken in die Nacht, das Riesenrad leuchtet hoch oben über der Stadt. Frauen schlendern mit Vanilleeis vorbei an Wasserspielen, Männer fotografieren ihren Nachwuchs vor Comicfiguren oder versuchen, ein Stofftier zu gewinnen.

Keine 50 Kilometer davon entfernt stehen die Dschihadisten vom "Islamischen Staat". Vor einem Jahr haben sie die Nachbarstadt Mosul überrannt und dort ihren Steinzeit-Islam durchgesetzt. Zehntausende flohen aus der Stadt und aus anderen vom IS angegriffenen Gebieten. Insgesamt etwa 1,5 Millionen Menschen aus Syrien und dem Irak retteten sich Ende vergangenen Jahres in den Nordirak mit seinen bis dahin rund acht Millionen Einwohnern. Allein zu den etwa 1,4 Millionen Einwohnern der Provinz Dohuk stießen fast 700.000 Flüchtlinge. Sie haben oft wochenlange Fußmärsche hinter sich. Die kleine Flucht auf den Rummel ist für sie aber unerreichbar.

Ein paar Straßen abseits des Vergnügungsparks drängen sich 28 jesidische Familien in einen zweigeschossigen grauen Rohbau. Wie etwa 85 Prozent der Flüchtlinge im Nordirak leben sie nicht in offiziellen Camps, sondern improvisieren. Mehr als 250 Menschen teilen sich hier zwei Toiletten und vier Kochstellen, die sie auf dem nackten Stein errichtet haben. In lautem Schwall ergießen sich alle paar Minuten Notdürfte die Hauswand herab.

Vor zehn Monaten flohen die Jesiden vor den Islamisten über das Sindschar-Gebirge in das Kurdengebiet, nach Nächten unter Planen und in Erdlöchern zogen sie in das leerstehende Gebäude, Hilfsorganisationen versorgen sie mit dem Nötigsten. Die Flüchtlinge spannten Plastik und Stofftücher vor die Fenster, die langen Tage verbringen sie auf der Straße vor dem Haus oder der sandigen Brache daneben. Nur sehr wenige haben Arbeit gefunden, denn immer mehr Flüchtlinge bewerben sich hier um die wenigen Aushilfsjobs. Die Kinder gehen selten zur Schule, sie sprechen Arabisch, während Lehrer und Mitschüler sich auf Kurdisch unterhalten.

Aus ihrer Behelfsunterkunft blicken die Flüchtlinge auf Gebäude aus feinem Marmor, Granit oder Sandstein, in den Fenstern der Nachbarn flimmert das Licht großer Fernseher, in den Garagen parken polierte Geländewagen. Der Besitzer des Rohbaus in bester Lage hat sie nun fast ein Jahr geduldet, jetzt will er sein Eigentum zurück. Ende des Monats sollen die Jesiden ausziehen. Das Haus muss fertiggestellt werden, die Vertriebenen müssen weiter – wohin, das kann ihnen niemand sagen.

"Für uns gibt es keinen Platz im Irak"

"Wir haben aufgehört zu träumen", sagt Ramid Sahed*, einer der Jesiden. Der kleine hagere Mann kam mit seiner Frau und den acht Kindern nach Dohuk. Mitten durch ihr Heimatdorf verläuft heute die Front. Seine Haare sind streng nach hinten gekämmt und mit viel Gel am Kopf fixiert. Das grün-weiße Karohemd hat Sahed in die viel zu weite Jeans gestopft, die Budapester an seinen Füßen werden den Sommer nicht überstehen. Sahed kann sich nicht vorstellen, jemals in seine Heimat zurückzukehren. Eine Zukunft bei den Kurden sieht er auch nicht: "Für uns gibt es keinen Platz im Irak." Arbeit hat er keine gefunden, die Kinder verdienen ein bisschen als Straßenverkäufer. "Schule lohnt sich für sie nicht", sagt er, denn bald müsse es woanders weitergehen und jetzt gehe es ums Überleben.

Ihr Leben sei zerstört, sie vermag nicht zu träumen, sagt Selva*. Die 18 Jahre alte Jesidin kniet regungslos im Zelt ihrer Eltern in einem Flüchtlingscamp bei Zahko, 60 Kilometer von Dohuk entfernt, in dem mehr als 11.000 Menschen eine Zuflucht gefunden haben. Im Fernseher läuft ein Märchen aus 1001 Nacht ohne Ton, die Uhr an der weißen Zeltwand ist um zehn vor acht stehen geblieben.

Selva hat es vergangenes Jahr, als die IS-Milizen auf ihr Dorf vorrückten, nicht mehr rechtzeitig ins Sindschar-Gebirge geschafft. Plötzlich tauchten bewaffnete Männer vor dem Auto auf, das sie sich auf der Flucht mit neun anderen Menschen teilte. Sie zerrten sie heraus und brachten sie in eine Sporthalle in Mosul. Dort trennten die Terroristen Mädchen und Jungen, erzählt Selva. Mit Hunderten anderen Mädchen und jungen Frauen sei sie tagelang zusammengepfercht worden. Anfangs konnte sie Kontakt mit ihren Eltern halten, einige Mädchen hatten ihre Handys versteckt. "Angst hatte ich keine, was hätten sie mir noch antun sollen?" Selva erzählt ohne eine Regung in ihrem bleichen Gesicht, wie sie immer wieder nach Möglichkeiten suchte, sich das Leben zu nehmen – "so wie einige andere Mädchen, die das schafften". Die Islamisten brachten Selva immer wieder an andere Orte, als sie schließlich im Haus einer Familie arbeiten musste, die dem IS nahe steht, gelang ihr die Flucht. Sie rief ihren Vater an, der gab ihre Adresse an einen Freund durch, erzählt sie. Als ihre Bewacher schliefen, schlich sie sich aus dem Haus, der Freund fuhr sie zu ihrer Familie. Er sei überglücklich, dass sie lebt, sagt ihr Vater, aber einen Mann werde er im Irak nicht mehr für sie finden.