Ein Zeitungskiosk in Thessaloniki zeigt die Schlagzeilen am Montagmorgen nach dem Referendum. © Sakis Mitrolidis/AFP/Getty Images

Das klare Nein der griechischen Bevölkerung hatte keiner erwartet. Insbesondere, weil sich die Oxi-Stimmung der Bevölkerung in keinster Weise medial widergespiegelt hatte. Die großen Medien Griechenlands – Presse wie Rundfunkanstalten – warnten bis zum Tag des Referendums vor den Auswirkungen eines Neins. Offensichtlich wurden sie nicht gehört.

In den Talkshows der großen Fernsehsender herrschte schon am Sonntagabend Enttäuschung und Sorge. Die Kommentatorenrunde beim privaten Fernsehsender SKAI.gr zeigte sich alarmiert, dass das Ergebnis die anstehenden Verhandlungen mit den Gläubigern sowohl erschwere als auch gefährde. Im Sender Mega TV wurde auch die Frage diskutiert, wann die Banken wieder öffnen werden. Vergangene Woche war noch der morgige Dienstag im Gespräch. Nach dem Referendum – so wurde in dieser Expertenrunde diagnostiziert – werde sich dieser Zeitpunkt nun weiter nach hinten verschieben.

Ähnlich enttäuscht klangen die Kollegen in Antenna TV oder Star Channel. Das Nein wurde als eine Niederlage der europa-freundlichen Kräfte interpretiert. Gleichzeitig wurden die härtesten Reaktionen der europäischen Politik ins Zentrum der Berichterstattung gerückt; Sigmar Gabriels Äußerung etwa von den abgebrochenen Brücken vor dem Hintergrund des Referendums oder die Warnung von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz: "Eure Kinder werden leiden." Diskutiert wurde auch die Verärgerung der europäischen Partner über ein Nein, das den Grexit beschleunige sowie über die Zukunft Griechenlands, das ohne die Gunst Europas nun tiefer in die Sackgasse gerate.  

Der überwiegende Teil der Presse vom heutigen Montag ist ebenfalls nicht optimistisch gestimmt und konzentriert sich auf die negativ eingeschätzten ökonomischen Konsequenzen der Wahl. Auf eine politische Analyse dessen, was Tsipras feierlich einen "historischen Sieg der Demokratie" genannt hat, verzichten die meisten. Die größte liberale Zeitung Kathimerini titelt mit "Reformen oder Grexit" und beschreibt ein Szenario von Banken am Nullpunkt. Die Zeitung To Vima stellt fest, dass die Bevölkerung das Exit-Risiko ignoriert hat und verlangt von Tsipras endlich "ohne Geschrei und sinnlose Konflikte mit den Partnern" zu verhandeln, um das Land im Euro zu behalten. Ta Nea titelt mit einer Karikatur, in der jemand in einer Wahlurne wühlt, um dort vergeblich die Lösung zu finden. Dazu wird Manfred Webers Aussage in der ARD zitiert: "Ein schwarzes Signal für Griechenland". 

Von den bedeutenden Tageszeitungen kommentieren allein die Syriza-Parteizeitung Avgi und die Zeitung der Redakteure das Wahlergebnis positiv. Avgi interpretiert das Nein als ein Zeichen für ein "61% gegen die Austerität". Die Zeitung der Redakteure, die ein in der Krise entstandenes journalistisches Kooperativmedium mit entsprechender Haltung und großer Verbreitung ist, titelt mit einem sichtlich verstörten Gesicht von Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem.

Alle anderen Medien, die das Nein wohlwollend kommentieren, würden in Deutschland nicht mehr zu den etablierten Medien gezählt. Es sind der parteinahe Radiosender to.kokkino und das Onlineportal left.gr, journalistische Blogs wie zougla.gr oder weitgehend auf Crowdfunding basierende Onlineprojekte von in der Krise arbeitslos gewordenen Journalisten. Die Newsseite Press Project etwa widmet Krugmanns Kommentar in der New York Times einen ganzen Artikel mit dem Titel "Das Nein ist ein Sieg der europäischen Idee". Das Portal tvxs.gr ("Fernsehen ohne Grenzen") kommentiert mit dem Artikel "Der Putsch ist nicht gelungen", dass die in Europa gern gesehenen Szenarien einer Regierungsumbildung mit schwächerem oder gar gestürztem Tsipras nun vom Tisch seien. 

Medienlandschaft in Griechenland ist deutlich gespalten

Diese Spaltung der Medienlandschaft in ein Tsipras-kritisches Ja-Lager, das von den wichtigen Presse- und Rundfunkorganen repräsentiert wird und den Nein-Befürwortern, die eher als Vertreter der alternativen Öffentlichkeit gelten können, ist charakteristisch für die griechische Berichterstattung in den Tagen vor dem Referendum.

Noch am Wahltag erschienen so gut wie alle großen Sonntagszeitungen mit einem großen Ja auf der Titelseite. Kathimerini schrieb: "Ja zu Europa, Demokratie und Stabilität". Eleftheros Typos titelte mit "Wir sagen ja zum Euro und Nein zur Drachme und zum Chaos". Die rechtsliberale Proto Thema warnte: "Nein bedeutet die unmittelbare Kürzung der Spareinlagen, geschlossene Banken und Geldautomaten." Dieser Tenor durchzog auch das Programm aller großen privaten Fernsehsender von Skai, Mega TV, Star Channel oder Antenna TV. Am Tag des Referendums überwogen Berichte über die massenhaften Stornierungen von Touristen aufgrund der Wahl sowie Katastrophenszenarien über die Liquidität der Banken und dem Verbleib Griechenlands in der Eurozone. 

Bis Sonntagnachmittag vermittelten die Medien den Eindruck, dass das Nein als ein riskantes Unterfangen in der griechischen Gesellschaft gelte und daher wenig Chancen auf eine Mehrheit habe. Selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen ERT – erst vor wenigen Wochen wieder in Betrieb genommen und in der Regel etwas ausgewogener in der Berichterstattung – schaffte es nicht, die Stimmung der Bevölkerung widerzuspiegeln.  

Unzählige Beschwerden über einseitige Berichterstattung

Die Einseitigkeit der Medienlandschaft wurde in den vergangenen Tagen durchaus diskutiert. Unzählige Beschwerden gingen beim griechischen Rundfunkrat ein, unter anderem auch von Rania Sfigou, der Presseverantwortlichen von Syriza. Belegt werden konnte zum Beispiel, dass die Sendezeiten über die Nein-Demonstrationen unverhältnismäßig kurz waren im Verhältnis zu denen der Ja-Demonstrationen. Insbesondere der Fernsehsender Skai stand im Zentrum der Kritik, da dieser offenbar sehr unausgewogene Panels zusammengestellt und ganz offensichtlich bis kurz vor dem Referendum für das Ja geworben hatte. Das hat zur Folge, dass sich Syriza-Politiker mittlerweile weigern, dem Sender Interviews und Informationen zu geben und die Talk-Runden von Skai "bestreiken".

Die Parteilichkeit der griechischen Mainstreammedien ist bereits seit Beginn der Krise ein Thema in Griechenland. Ein Grund hierfür könnte sein, dass die meisten Medien Konglomerate von Unternehmern sind, die gleichzeitig Fußballmannschaften, Baukonzerne und Reedereien unterhalten und somit ihre ganz eigenen Ziele verfolgen. Das Nein der Bevölkerung trotzt der Berichterstattung und zeigt die Entfremdung zwischen den griechischen Bürgern und den Medienmogulen. PressProject brachte das auf den Punkt: "Das Oxi ist auch ein Oxi an die Massenmedien."

Um den Puls der Bevölkerung aufzufangen, sollte man die sozialen Medien und Blogs lesen. Dieser anonyme Post auf dem satirischen millionenfach gelesenen Blog pitsirikos beschreibt vielleicht plausibler die Haltung der Griechen, die Nein gesagt haben: "Ich weiß, dass wir nun sehr schwierige Zeiten durchmachen werden (...) Aber mich kümmert es nicht. Ich habe mit dem Nein 50 Jahre mehr Lebenszeit gewonnen. Und fühle mich einen Meter größer. Ich kann alles aushalten. Hoffe aber, dass das alles nicht nur ein Trick zu diesem Zweck war."