Ludmila Sawtschuk nach einer Gerichtsanhörung wegen ihre Klage gegen die "Trollfabrik" in St. Petersburg © Olga Maltseva/AFP/Getty Images

Die Geschichte der russischen "Internet-Forschungsagentur", besser bekannt als St. Petersburger Trollfabrik, kam vor über einem Jahr ins Rollen. Sie begann mit einem Eintrag auf Vkontakte, der russischen Version von Facebook. Dort schrieb ein politischer Aktivist über eine merkwürdige Firma, die "Internet-Operateure" einstelle. Diese sollten Blogeinträge und Webkommentare zu heiklen politischen Themen schreiben. Das veranlasste den Journalisten Andrej Soschnikow, sich in die Firma einzuschleusen. Als er sich vorstellte, machten die Vertreter der Agentur keinen Hehl daraus, was seine Aufgabe sein würde: "Haben Sie schon einmal die bezahlten Besprechungen in Onlineshops gelesen, die etwa sagen, dass ein bestimmter Wäschetrockner besser ist als andere?", fragten sie nach seinen Angaben. "Wir machen im Grunde dasselbe, nur dass es um Politiker geht."

Soschnikow arbeitete einen Tag lang im düsteren Untergeschoss eines Hauses am Rande von St. Petersburg – und traf dort einen Undercover-Journalisten der regierungskritischen Zeitung Nowaja Gazeta, der sich ebenfalls verdeckt bei der Agentur beworben hatte. Beide veröffentlichten danach Artikel über die Trollfabrik, die im Netz massenhaft Propagandabeiträge gegen die Politik des Westens und für die des russischen Präsidenten Wladimir Putin verbreitet. Doch das sorgte noch nicht für allzu großes Aufsehen, zumindest nicht in Russland.

Das änderte sich erst, als Ludmila Sawtschuk, eine Aktivistin aus Puschkin nahe St. Petersburg, bei der Agentur verdeckt anheuerte und dort zwei Monate lang arbeitete. Bevor sie sich bewarb, säuberte sie ihr Profil auf sozialen Medien von allen "verdächtigten" Einträgen. Aber die Chefs der Agentur googelten wohl nicht einmal ihren Namen, bevor sie sie einstellten: Sonst hätten sie schnell herausgefunden, dass die 34-Jährige sich in ihrer Nachbarschaft für Umweltthemen engagiert und sogar bei Kommunalwahlen als unabhängige Kandidatin angetreten war – sie war also ganz und gar nicht die Art von Bewerberin, nach der sie gesucht haben dürften.

Propaganda - Bloggen für den Kreml

Am 2. Januar fing Sawtschuk bei der Agentur an. Sie musste jeden Tag zwölf Stunden arbeiten, alle zwei Tage hatte sie frei. Zuspätkommen war nicht erlaubt und wurde schon bei wenigen Minuten mit Gehaltsabzug bestraft, ebenso wie selbst kleine Fehler in einem Blogpost oder einem Internetkommentar. Bei mehreren Fehlern drohte der Rausschmiss. "Die Atmosphäre ist sehr hart", berichtet Sawtschuk. Es gebe eine strenge Hierarchie. "Stellen Sie sich erwachsene Menschen vor, die weinend auf die Toilette rennen."

In der Regel fand sie morgens, wenn sie ihren Computer hochfuhr, genaue Vorgaben vor, an die sie sich zu halten hatte. Jeden Tag musste Sawtschuk mindestens 15 Beiträge verfassen, manchmal hatte sie nicht einmal Zeit für eine Mittagspause. Jeder Eintrag und jeder Text werde, bevor er online gestellt wird, von einem "Redakteur" genauestens geprüft, berichtet sie. Der lösche alles, was nicht den Tagesvorgaben entspreche. Streng verboten sei es, Probleme in Russland wie zum Beispiel die Verteuerung von Lebensmitteln anzusprechen – "es sei denn, diese Probleme sind schon in hervorragender Weise von Präsident Putin gelöst worden".   

Probleme mit der russischen Sprache

Jeder der bezahlten Blogger wird angehalten, sich im Internet einen "menschlichen Anschein" zu geben, berichtet die Aktivistin. Lebensgeschichten, Fotos – alles war vorgegeben, abwechselnd mit kleinen Schnipseln von Propaganda. Manchmal sei die besonders subtil, zum Beispiel im Fall eines vermeintlichen jungen Mädchens, das seine Internetfreunde bat, ihr bei der Suche nach einem attraktiven Jungen in Militäruniform zu helfen, den sie im Zug gesehen hatte. Nur wer genauer hinsah, konnte erkennen, dass der Eintrag alle möglichen Reizwörter zu bestimmten Themen enthielt und eigentlich das Ziel hatte, die russische Armee mit Lob zu überschütten.

Den Großteil der Trolle beschreibt Sawtschuk als schlecht gebildet, sie könnten meist nicht besonders gut Russisch schreiben, verstünden viele der politischen Artikel, die ihnen geschickt würden, auch nicht. Ein Lehrer, der angestellt wurde, um ihnen zu helfen, habe immer nur traurig geseufzt, wenn er die ausgedruckten Posts las. Als Unterstützung gab es auch Spickzettel, die erklärten, wie die jüngsten Nachrichten zu verstehen seien – deren Hauptquelle: russische Propagandamedien wie Russia Today.

Strikt sind die Sicherheitsbestimmungen in der Agentur. Alle neuen Mitarbeiter müssen eine Verschwiegenheitsverpflichtung unterschreiben. Überall gibt es Überwachungskameras, der Gebrauch der Computer wird ebenfalls überwacht. Soschnikow ist sich sicher, dass es für die Manager der Agentur kein Problem ist, auch die Handys der Mitarbeiter auszuspähen. Deshalb wunderte er sich, dass es Sawtschuk gelang, unbemerkt in der Agentur zu filmen.

Die meisten der Trolle arbeiten wegen der hohen Belastung offenbar nur wenige Wochen für die Agentur. Wer aber durchhält, kann bald aufsteigen. Sowohl Sawtschuk als auch Soschnikow berichten, es gebe in St. Petersburg noch eine weitere, kleinere Agentur für "Elite-Trolle". Die würden zum Beispiel vorgeben, Anhänger der Opposition zu sein, um dann prominente regimekritische Blogger zu attackieren.