Der Präsident der katalanischen Regionalregierung, Artur Mas © David Ramos/Getty Images

Was ist los in Spanien? Da wissen die übrigen Europäer meist Bescheid: hohe Jugendarbeitslosigkeit, schwaches Wachstum, Podemos. Vor allem die: Die Linkspopulisten sind auf dem Vormarsch, und sie gebärden sich zum Teil als eine Art iberische Filiale von Syriza. Das löst Sorge aus in den Hochburgen des neoliberalen Kosmos. Die bange Frage dort lautet: Gerät jetzt auch das politisch stabile Spanien ins Rutschen? Das wäre ein neuer Albtraum der Mächtigen im Austerity-Europa: Sind die jungen Wilden des politisierenden Politikwissenschaftlers Pablo Iglesias, des berüchtigten Pferdeschwanzträgers mit akademischen Lehrjahren in Venezuela, die Fortsetzung von Tsipras und Varoufakis mit ähnlichen Mitteln?

"In Europa reden alle von Podemos", klagte neulich der spanische Außenminister José Manuel García-Margalloin einem Zeitungsinterview. Man könnte meinen, sagt ein anderer Vielgereister, Podemos sitze in Madrid schon in der Regierung und drohe mit dem Spexit. Doch so weit ist es noch lange nicht, und in Wahrheit bedrängt Spanien im Moment ein ganz anderes Problem (und vielleicht hilft Podemos sogar, es zu verringern): die plötzliche Wiederkehr der tot geglaubten Bewegung für ein unabhängiges Katalonien.

Die Separatisten schienen verschwunden zu sein. Es war, als hätten sie sich nach dem für sie enttäuschenden Ausgang der Volksbefragung im vergangenen Herbst erst mal verkrochen. Doch nun ist diese Los-von-Madrid-Bewegung zurück, mit aller Wucht und schonungsloser Alles-oder-nichts-Entschlossenheit.

Es ist keine Bewegung von unten. Im Gegenteil. Angeführt wird sie von Artur Mas, dem Präsidenten der Generalitat de Catalunya, und seiner Regierung. Mas gilt als ökonomisch neoliberal, ist politisch konservativ, ein Mann, dem man den radikalen populistischen Motor, der ihn anzutreiben scheint, gar nicht zutraut.  Er hatte vom früheren Paten des Katalanismus-von-oben, Jordi Pujol, ein Parteienbündnis mit der christdemokratischen Partei Unió Democràtica de Catalunya übernommen. Diese Unió war ein zuverlässiger Partner der traditionell stärker nationalistisch orientierten Pujol-Partei Convergència Democràtica de Catalunya (CDC) und hatte all die Jahre vor allem auf der politischen Bühne in Madrid einen mäßigenden Einfluss in der gemeinsamen Politik. 

Doch in diesen Sommer war es plötzlich mit dem bürgerlich-katalanischen Frieden vorbei. Die gemäßigt-konservative Unió kündigte das Bündnis mit Artur Mas' CDC. Der war darüber vermutlich erleichtert. Denn der Vorsitzende der kleinen Unió, der in der politischen Klasse Madrids mehr als in Barcelona respektierte Jurist und Außenpolitiker Josep Duran i Lleida, der sich gern auf die deutsche CDU als Vorbild beruft, hatte stets auf die gemeinsamen Interessen von Spanien und Katalonien gesetzt und den Separatismus des Partners gebremst. Nun hatte er angesichts des zunehmenden national-katalanistischen Kurses des Presidente in diesem Bündnis keine Zukunft mehr gesehen. Mas hat seither politisch freie Hand.

Die Folgen sind vom Überraschungswert vergleichbar mit der mysteriösen Links-rechts-Koalitionsbildung von Alexis Tsipras in Athen: der rechtsliberale Nationalist Mas verbündete sich mit der linkssozialistischen, radikal-katalanischen Esquerra Republicana (ER). Im Zusammenwirken mit einer bunten Palette aus zivilgesellschaftlichen Vereinen, Aktionsbündnissen, Lokalparteien bildeten sie Mitte Juli eine Einheitsliste mit dem Ziel, gemeinsam die absolute Mehrheit im katalanischen Parlament zu erringen. Inhaltlich verbündet diese Einheitsliste nur das eine Thema: die Unabhängigkeit Kataloniens. Im Übrigen haben die beiden Parteien und deren Anführer politisch ungefähr so viel gemeinsam wie in Deutschland Horst Seehofer und Sahra Wagenknecht. Aber während das Küstenland in Spaniens Nordosten noch über das Tempo der Entwicklung staunte, verkündete Mas vorgezogene Neuwahlen für den 27. September und erklärte sie zur Schicksalswahl Kataloniens.

Für ihn ist diese Wahl eine Volksabstimmung über ein einziges Thema: die Trennung von Spanien. Auch die knappste aller Mehrheiten, eine Stimme über der Hälfte, würde ihm genügen, um am Tag nach der Wahl die bevorstehende Geburt eines neuen souveränen Staates zu verkünden: der Republik Katalonien. Damit kein Zweifel aufkommt, verkündete Mas denn auch sogleich, worum es jetzt gehe: "ums Ganze". Jeder Katalane müsse mitmachen, und wer nicht für ihn und die Einheitsliste stimme, der stimme "gegen Katalonien".