Die Türkei hat sich nach dem Anschlag auf türkische Jungsozialisten in Suruç der US-geführten internationalen Koalition gegen die Terrororganisation IS angeschlossen. Einheiten der türkischen Luftwaffe würden ab sofort an Operationen der Allianz teilnehmen, teilte das türkische Außenministerium mit. Der IS sei "die Hauptbedrohung der nationalen Sicherheit der Türkei". Die Dimension dieser Bedrohung wachse ständig.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen lobte diesen Kurswechsel. "Es ist wichtig, dass sich auch die Staaten der Region gegen den IS-Terror engagieren und sich über Religionsgrenzen hinweg gegen diesen barbarischen Terror stellen", sagte die CDU-Politikerin der Zeitung Bild (Samstagsausgabe). Dieser Kampf sei sehr ernst und werde die Koalition lange beschäftigen.

"Es ist richtig, dass auch wir uns weiterhin mit der Unterstützung der Peschmerga im Irak daran beteiligen", sagte von der Leyen weiter. Bundeswehr-Soldaten sind an der Ausbildung der kurdischen Peschmerga im Nordirak beteiligt. Außerdem sind 400 deutsche Soldaten im türkischen Kahramanmaras 100 Kilometer vor der syrischen Grenze stationiert. Von dort aus sollen sie den Nato-Partner vor Raketenangriffen aus Syrien schützen.

Die türkische Regierung erteilte den USA die Erlaubnis zur Nutzung des strategisch günstig gelegenen Nato-Luftwaffenstützpunktes Incirlik in der Südtürkei für Angriffe auf den IS. Entsprechende Anfragen der US-Regierung hatte die türkische Staatsführung bislang abgelehnt. Der Einsatz von Kampfjets von türkischen Flugplätzen aus müsse aber von der Regierung in Ankara gesondert genehmigt werden, so das Außenministerium. 

Damit könnten die USA künftig die Stellungen des selbst ernannten "Islamischen Staates" im Norden Syriens wesentlich schneller und effektiver angreifen. Nach Informationen der New York Times wurden die Angriffe bisher unter anderem von Jordanien, vom Irak oder von den Golfstaaten aus geflogen. Außerdem könnten die USA von Incirlik aus auch Kampfhubschrauber gegen den IS einsetzen. 

Türkische Luftwaffe bombardiert IS-Stellungen in Syrien

In der Nacht hatten erstmals türkische Kampfjets Stellungen des IS in Syrien bombardiert. Alle angegriffenen Ziele seien dabei zerstört worden, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die nicht überprüft werden können, tötete die türkische Luftwaffe dabei neun IS-Kämpfer, zwölf weitere seien verletzt worden. Die türkische Nachrichtenagentur Dogan berichtete sogar von 35 getöteten IS-Extremisten.

Davutoğlu drohte mit weiteren Attacken: "Wer uns Schaden zufügt, muss den zehnfachen Preis zahlen", sagte der Regierungschef. Die Türkei werde gegen jede kleinste bedrohliche Bewegung mit Härte reagieren. Die syrische Regierung kritisierte die Angriffe als Verletzung ihrer Souveränität.

297 Festnahmen bei landesweiten Razzien gegen IS und PKK

Türkische Sicherheitskräfte gingen zudem bei Razzien in Istanbul und anderen Städten massiv gegen mutmaßliche Anhänger des IS sowie der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vor. Insgesamt seien dabei 297 Menschen wegen Terrorvorwürfen festgenommen worden, teilte Davutoğlu mit. Außer gegen den IS und die PKK richteten sich die Razzien auch gegen die PKK-Jugendorganisation (YDG-H) sowie gegen die marxistische Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C).

Berichten zufolge wurden dabei allein in Istanbul 140 Adressen aufgesucht. Ein weibliches Mitglied der DHKP-C wurde bei einer Schießerei mit Polizisten in Istanbul getötet. Der bewaffnete Ableger der PKK hatte sich zum Mord zweier türkischer Polizisten in der Kleinstadt Ceylanpınar an der türkisch-syrischen Grenze bekannt.

Mit Tränengas und Gummigeschossen ging die Polizei zudem gegen Hunderte Menschen vor, die in der Metropole gegen den IS demonstrierten. An der Kundgebung hatten sich etwa 500 Menschen beteiligt, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Die Protestierenden verurteilten das dem IS zugeschriebene Attentat in Suruç. Zudem warfen sie der Regierung vor, IS-Kämpfer in der Türkei zu tolerieren.

Türkische Medien wie CNN-Türk und NTV berichteten am späten Freitagabend zudem von Luftangriffen auf PKK-Lager im Nordirak. Eine Bestätigung hierfür gab es zunächst nicht. Nach dem Attentat in Suruç hatten die Spannungen mit den Kurden einen neuen Höhepunkt erreicht. Am Mittwoch übernahm die PKK die Verantwortung für die Tötung zweier türkischer Polizisten nahe der syrischen Grenze. Kurdische Gruppen hatten der türkischen Regierung vorgeworfen, nicht gegen die Terrormiliz zu kämpfen.

Der Konflikt zwischen der PKK und der türkischen Regierung dauert seit über 30 Jahren an, mehr als 40.000 Menschen starben. Beide Seiten bemühen sich um einen Friedensprozess, der jedoch immer wieder ins Stocken gerät. Im März 2013 hatte die PKK einen Waffenstillstand ausgerufen, der aber brüchig ist. Die türkische Armee flog etwa vergangenen Oktober Luftangriffe auf PKK-Stellungen.

Erdoğan und Obama besprechen Grenz-Sicherung

Bereits am Donnerstag hatte Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit seinem US-amerikanischen Amtskollegen Barack Obama telefoniert und eine engere Zusammenarbeit im Kampf gegen die Terrororganisation vereinbart. Nach Angaben des Weißen Hauses ging es dabei vor allem um die Frage, wie die türkische Grenze zu Syrien sicherer werden und der Zustrom ausländischer Kämpfer für den IS eingedämmt werden könne.

Die Soufan Group in New York schrieb, die Türkei habe den IS lange relativ unbehelligt gelassen, weil sie ihn als nützlichen Gegner des Regimes von Baschar al-Assad in Syrien angesehen habe. Aber der IS habe selten die Assad-Armee, sondern meist andere, von der Türkei unterstützte Rebellen bekämpft. 

Zudem sei es nicht zu der von der türkischen Regierung erhofften Schwächung der Kurden im Irak und in Syrien durch den IS gekommen: Die Kurden seien mit US-Unterstützung durch den Kampf mit der Terrormiliz vielmehr noch gestärkt worden. Schließlich sehe Ankara auch die eigene innere Sicherheit und damit die wirtschaftlich bedeutsame Tourismusbranche durch den IS gefährdet.