Im Jahr 2010 schrieb der gebürtige Donezker Fjodor Beresins ein Buch mit dem Titel Ukrainische Front. Es handelte von einem Krieg im Donbass und auf der Krim. In der Ukraine wurde es verboten, in Russland durfte es erscheinen. Nun befindet sich im Süden des Donbass die selbst ernannte Donezker Volksrepublik (DNR) und in der Ostukraine wird gekämpft. "Ich bin zum Protagonisten meiner eigenen Bücher geworden", sagt Beresin und lacht. Seine Visionen sind tatsächlich Wirklichkeit geworden.

Beresin, ein 55-Jähriger mit grauem Schnurrbart und Adlerblick, ist Vizekommandant des DNR-Panzerbataillons "Diesel". Seit eineinhalb Jahrzehnten schreibt er Bücher über fremde Zivilisationen, über einen geheimen Krieg im Kosmos und den historischen Sieg der Sowjetunion über die USA. Science-Fiction, Fantastika auf Russisch, nennt sich sein Genre und normalerweise ist es weit entfernt von der Realität.

Beresin empfängt im Flecktarn in seinem Büro in der DNR-Literatenvereinigung im Zentrum von Donezk. Sein Schreibtisch ist verwaist, im Regal lehnen ein paar Bücher, darunter eine Geschichtensammlung mit dem Titel Ukrainischer Horror. Er sei nicht oft hier, sagt er, denn derzeit sei er fast ausschließlich mit Militäragenden beschäftigt. Beresin hat eine sowjetische Armeekarriere hinter sich. In den Anfangstagen der DNR war Beresin Stellvertreter des unberechenbaren Igor Girkin (alias Strelkow), der mit seinen Kämpfern von der Stadt Slowjansk aus das "Schwungrad des Krieges" anwarf, wie er selbst einmal in einem Interview sagte.

Das "Schwungrad des Krieges" würde Beresin auch heute wieder gerne anwerfen. Während die Pragmatiker in der DNR-Führung den Minsker Verhandlungsprozess nicht aufgeben möchten und leidgeplagten Bürgern den Aufbau der "jungen Republik" versprechen, halten die "Falken" im Separatistengebiet wenig davon: Es sind Feldkommandanten, die ihre Kämpfer beschäftigen müssen; und hohe Militärs wie Beresin. Sie blicken beunruhigt in Richtung Kiew, das seine Militärpräsenz im Osten zuletzt verstärkt hat. Am Sonntag meldete der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, dass 60.000 Soldaten im Kriegsgebiet stationiert seien. Alles nur eine Defensivmaßnahme? Die Falken der DNR fordern jedenfalls eine Militäroffensive, sie wollen endlich ernst machen: Das Territorium der Separatisten soll zumindest bis an die Grenzen des Donezker und Luhansker Gebiets reichen.

Doch eine Anfang Juni unternommene Offensive auf den von der Armee kontrollierten Ort Marinka westlich von Donezk endete in einem Fiasko: Berichten zufolge erlitten die Separatisten schwere Verluste; sie mussten sich wieder zurückziehen. Von Moskau erhielten sie in dieser Schlacht – anders als in strategisch wichtigen Gefechten zuvor – keine offene Hilfe. Putins Sprecher Dmitrij Peskow verlautete damals lediglich, der Kreml sei "beunruhigt" über die Zuspitzung der Lage.

Die in Minsk verhandelte Waffenruhe scheint dieser Tage wieder einmal kurz vor einem Totalzusammenbruch. Die Feuerpause wird von beiden Seiten mit schweren Waffen gebrochen. Auch politisch sind die Positionen noch immer weit voneinander entfernt. Kiew möchte durch Prozesse wie die geplanten Lokalwahlen im Herbst wieder möglichst große Kontrolle über Donezk und Luhansk erlangen; die Separatisten hingegen versuchen die Eigenständigkeit ihres Herrschaftsgebiets – etwa eine vollständige Autonomie innerhalb der Ukraine – abzusichern. Solange eine Einigung aussteht, dauert der Kampf am Boden auf niedrigem Niveau an. Die prorussischen Milizen und die ukrainische Armee sind derzeit in einen Stellungskrieg verwickelt, der keine Gebietsgewinne bringt, aber jeden Tag Opfer fordert.

"Es gibt keine richtige Waffenruhe, aber auch keinen richtigen Krieg", sagt Beresin. Und: "Wir brauchen einen militärischen Erfolg." Die DNR benötige mehr Territorium, dann werde sich auch die Versorgungslage verbessern. Kiew hat zuletzt seine Transportblockade verschärft. Der Versuch, die Separatisten "auszuhungern", trifft indes vor allem einfache Bürger. Autobusse dürfen nicht länger zwischen den Separatistengebieten und dem ukrainisch kontrollierten Territorium verkehren – gute News für Taxifahrer, schlechte für Pensionisten und ärmere Menschen.

An den Kontrollpunkten bilden sich kilometerlange Schlangen; die Wartezeit bis zur Abfertigung beträgt mehrere Stunden, teils müssen Menschen im Freien übernachten. Zudem gelangen kaum noch Lebensmittel und Medikamente aus der Ukraine durch die Checkpoints der Armee. In Donezker Supermärkten häufen sich russische Waren, und immer öfter bezahlen die Menschen mit Rubel. Treibstoff ist zur Mangelware geworden.

In Donezk demonstrierten zuletzt Zivilisten aus den Außenbezirken für ein Ende des Beschusses. Aber auch Internationale Organisationen wie die OSZE geraten immer mehr in Kritik, weil sie aus Sicht der Bürger "nur schauen" und nichts tun.

"Einer Armee, die gewinnt, verzeiht man vieles."

Beresin hält nichts von den Gesprächen in Minsk. Seine Strategie heißt Eskalation: "Einer Armee, die gewinnt, verzeiht man vieles." Der Kommandant bestätigt im Gespräch freimütig, dass die prorussischem Milizen aus Wohnvierteln ihre Geschosse abfeuern. "Ja, so ist es", sagt er. "Welche andere Möglichkeit haben wir?" Dass Zivilisten als menschliche Schutzschilder verwendet würden, habe "einen gewissen Anteil Wahrheit".

"Aber was sollen wir tun? Sollen wir aufs freie Feld gehen und dort kämpfen? Krieg führen ist keine schöne Sache. Wir sind hier auf unserem Territorium, wir sind im Recht."

Beresin rechtfertigt eine mögliche Offensive auch aus ökonomischem Kalkül. Derzeit ist die Schwerindustrie des Donbass durch die Front geteilt. Zulieferbetriebe sind von ihren Abnehmern getrennt. Damit steht für beide Konfliktpartner der Produktionskreislauf auf dem Spiel: der Betrieb der Bergwerke, die Versorgung mit Eisenerz und Koks, sowie deren Verarbeitung in der Metallurgie. In den von den Separatisten kontrollierten Gebieten befinden sich 60 der 95 Bergwerke im Land. Damit sind unter ihrer Kontrolle auch jene Gruben, die die begehrten Kohlesorten vom Typ A und T gewinnen. Diese Kohleart wird in der Metallurgie benötigt und gewährleistet den Betrieb der Hälfte der 14 ukrainischen Kohlekraftwerke. Andererseits können die Separatisten ihre metallurgischen Betriebe in Donezk, Jenakiewo und Makejewka ohne Eisenerz nicht betreiben. Das wird in Dnipropetrowsk gewonnen, außerhalb ihrer Kontrolle. Auch die Kokerei von Awdejewka, in der die Hälfte des Kokses der Ukraine gewonnen wird, liegt vor den Toren der DNR. Kein Wunder, dass Awdejewka zu den am stärksten beschossenen Orten zählt. Der Betrieb der Kokerei leidet, was wiederum ein Problem für die Versorgung der Stahlfabrik in Mariupol auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet ist.

Beresin plagen Versorgungsengpässe auch in seinem Alltag. Dem Diesel-Bataillon beispielsweise mangelt es an Treibstoff. Solange er nicht richtig kämpfen darf, konzentriert er sich auf die Ausbildung seiner Mitstreiter. Viele davon seien einfache Bergarbeiter, sagt er, vor allem einfache Kämpfer. Auch die Aufpasser an den Checkpoints rekrutieren sich aus der Lokalbevölkerung.

Nach Beresins Angaben erhält ein DNR-Soldat 300 Dollar im Monat – ein stattlicher Lohn für ukrainische Verhältnisse. Da viele Gruben, Industriebetriebe und Baustellen stillstehen, sind die Milizen eine alternative Einkommensmöglichkeit für die männliche Arbeiterbevölkerung.