Es gibt Streit bei der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, lese ich, und mir kommt es vor wie ein Déjà-vu. Fünf Historiker sind aus dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung ausgetreten, der ursprünglich 15 Mitglieder hatte (und jetzt nur noch sechs), weil man es geschafft hat, von 40 Bewerbern einen auszuwählen, mit dem sie nicht einverstanden waren. Sie beklagen den enormen Einfluss der Vertriebenen im Stiftungsrat.

Mein erster Gedanke: Hört das denn nie auf? Seit es die Stiftung gibt, gibt es Skandale, und immer hatte der Vertriebenenbund damit zu tun.

Der zweite Gedanke: In wessen Namen handelt der Verein eigentlich?

Als wir an einem warmen Maitag 1988 mit zwei Koffern in der deutschen Fremde ankamen, haben wir dieses Dokument bekommen, klein, grün, dreiteilig wie ein Triptychon. "Ausweis für Vertriebene und Flüchtlinge" heißt das Papier, Klasse A. Damit wurden wir von Ausländern zu Heimkehrern. Meine Mutter sagt, dass der Ausweis uns sehr half. Bei Ansprüchen und den ganzen Behördengängen. Doch das Dokument ließ uns auch zum Teil im politischen Interessenspiel um Einfluss werden. Von nun an gehörten wir einer Interessengruppe an. Auch wir waren gemeint, wenn Erika Steinbach, damals noch Präsidentin des Vertriebenenbundes, all die Millionen in Stellung brachte, deren Interessen der Bund angeblich vertrat.

An die Vertreibungen muss erinnert werden, ihr Leid ist Teil der europäischen Geschichte. Doch was hätten wir schon mit einer Lobby-Organisation anfangen können, die in ihrer Charta noch heute folgenden Satz stehen hat: "Die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden." Man muss nicht aus einer deutsch-polnischen Familie kommen mit Tätern und Opfern in den eigenen Reihen, um diesen Satz als Geschichtsklitterung zu empfinden.

Solange die alljährlichen Treffen von wichtigen Politikerbesuchen flankiert wurden, aber bedeutungslos blieben, nahmen wir den Vertriebenenbund nicht wahr. Das änderte sich, als mit der Idee eines Zentrums gegen Vertreibungen die Beziehungen zu Deutschlands Nachbarländern, vor allem Polen, belastet wurden. Es wurde persönlich. Meine Gratwanderung zwischen polnischer Panik und deutschem Desinteresse begann.

In Polen versuchte ich zu erklären, dass Erika Steinbachs Einfluss nicht groß und die Debatte hysterisch sei, die Rechten in Polen sollten aufhören, zu hyperventilieren. In Deutschland sagte ich, dass es nicht helfe, immer wieder darauf zu verweisen, dass Erika Steinbach in Deutschland weitgehend unbekannt sei – in Polen kannte sie nun mal fast jeder und man vergaß nicht, dass sie im Bundestag gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze stimmte.

Als die Erinnerung an Vertreibungen schließlich zur Staatssache wurde, schien sich die Lage zu beruhigen. Die Furcht davor, dass Deutsche die an ihnen verübte Vergeltung sehen und aussparen, dass dem ein deutscher Vernichtungskrieg vorausging, wurde gemildert. Ich habe bedauert, dass es nicht gelang, einen europäischen Erinnerungsort gemeinsam mit deutschen Nachbarländern zu schaffen. Was nun im Deutschlandhaus unter dem Dach des Deutschen Historischen Museums ab 2018 gezeigt werden soll, ist ein deutsches Projekt – aber bisher kein deutscher Alleingang: In dem wissenschaftlichen Beirat, der beratend tätig ist, wurden von Beginn an namhafte Historiker aus Ungarn, Polen und Tschechien einbezogen.

Nun ist von ihnen kaum noch jemand übrig, und spricht man mit dem polnischen Professor Krzysztof Ruchniewicz, der am Willy-Brandt-Zentrum in Wrocław lehrt, dann spürt man den tiefen Frust darüber, wie der Beirat übergangen wurde. Ruchniewicz hat einiges ertragen müssen, als er sich bereit erklärt hat, Beiratsmitglied zu werden; er wurde in Polen von Nationalkonservativen verunglimpft, als sei da einer als Agent der Deutschen unterwegs. Auch er beklagt, dass sich vor allem die Vertriebenen mit ihren Vorstellungen durchsetzten. Die Ernennung des neuen Direktors dürfte ihn darin bestätigt haben, Ruchniewicz hat jetzt aufgegeben. Oder der Beiratsvorsitzende Stefan Troebst, der sich wundert, dass man das Thema den Vertriebenen und CSU-Politikern überlasse. Auch er ist am Montag aus dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung zurückgetreten.

Ein Gespräch mit meiner Mutter. "Herrgott", sagt sie genervt, "diese Vertriebenenverbände werden doch noch in 300 Jahren alles aufmischen." Vielleicht ja nicht. Die ältere Funktionärsgeneration, unter ihnen mancher, beherzter Revanchist und Nazi, tritt ab. Die Jüngeren übernehmen, sie könnten die Vertriebenen von ihrer stickigen Folklore befreien. Fast jeder in Deutschland hat heute irgendeinen Bezug zur Vertreibung – weil die Großeltern aus Pommern stammen, aber auch, weil in der Nachbarschaft Asylbewerber wohnen, weil an Schulen auf einmal Kinder von Flüchtlingen aus dem Sudan oder Syrien auftauchen. Ihre Geschichten werden zum Teil unserer Geschichte. Von Vertreibungen als Mittel der Politik, von Leid und Heimatverlust zu erzählen, als Geschichte und Gegenwartserfahrung, damit ließen sich so viele Menschen erreichen – aber nur dann, wenn Vertreibung nicht als eine deutsche, vergangene Schicksalserfahrung verstanden wird, sondern als Unglück, das im Schnitt jeden Tag 42.500 Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen.