Soll man mit Vertretern von Diktaturen Interviews führen? Eigentlich nicht. Denn die Fragen nach Menschenrechtsverletzungen prallen an ihnen ab wie stumpfe Pfeile. Trotzdem haben wir uns in diesem Fall dazu entschlossen. Weil Hunderttausende von Eritreern vor dem Terrorregime fliehen, viele davon nach Deutschland. Wer die Antworten des Präsidentenberaters Yemane Gebreab liest, kann sich selbst einen Reim darauf machen.

ZEIT ONLINE: Herr Gebreab, jeden Monat fliehen 5.000 Menschen aus Eritrea und riskieren dabei ihr Leben – warum?

Yemane Gebreab: Flüchtlinge, das ist alles, worüber man im Westen mit uns reden möchte. Als gäbe es nichts anderes in Eritrea. Wir sind ein wunderschönes Land, wir haben eine zivile, friedliche Bevölkerung, eine stabile Regierung ...

ZEIT ONLINE: Der UN-Menschenrechtsrat hat soeben einen vernichtenden Bericht über Ihr Land veröffentlicht. Die Rede ist von Folter, brutalen Verhören, totaler Überwachung.

Gebreab: Der UN-Bericht ist völlig unglaubwürdig. Die Autoren waren nicht in Eritrea, sie haben nur gehört, was sie hören wollten.

ZEIT ONLINE: Die UN sagt, Sie wollten sie nicht im Land haben.

Gebreab: Das ist richtig. Denn der Bericht ist in der politischen Absicht verfasst worden, der Regierung Eritreas zu schaden. In diesem Rat sitzen so viele Länder, die selbst die Menschenrechte verletzen. Da wurde parteiisch und unprofessionell vorgegangen. Eine solche Kommission akzeptieren wir nicht. Wir haben aber nichts zu verstecken. Wir stehen mit der Europäischen Union in ständigem Dialog über Menschenrechtsfragen. 

ZEIT ONLINE: Eritrea wird das Nordkorea Afrikas genannt. Warum schotten Sie sich ab?

Gebreab: Der Vergleich ist völliger Unsinn. Wir sind ein junges Land, aber eine alte Zivilisation. Christen gab es bei uns schon vor Konstantinopel. Den Islam gibt es seit den Tagen des Propheten in Mekka. Bei uns steht die erste Moschee der Welt, sie ist so alt, dass sie noch in Richtung Jerusalem blickt, nicht in Richtung Mekka. Als die Italiener Eritrea kolonisierten, von 1890 bis 1936, haben sie einiges investiert, in Eisenbahnen, in Häfen, in Infrastruktur in der Hauptstadt Asmara. Damit haben sie uns, ein Volk von vier Millionen, auch zusammengebracht. Aber dann vertrieben die Briten die Italiener und schlugen Eritrea dem 30-mal größeren Nachbarland Äthiopien zu. Unsere Unabhängigkeit, die wir 1991 erkämpft haben, ist noch immer in Gefahr.

ZEIT ONLINE: Warum gibt es in Eritrea nur eine Partei, wovor haben Sie Angst?

Gebreab: Das muss man unideologisch betrachten. Man kann nicht einfach sagen: Demokratie ist gut und alles andere schlecht. In unterentwickelten Ländern sind Parteien oft ethnische, religiöse oder tribale Organisationen. Sie wollen für den eigenen Clan möglichst viel beiseiteschaffen. Gucken Sie sich doch Kenia an! Südsudan! Die Reichen der Stämme kontrollieren die Politik. Bei uns haben Minister keine tollen Häuser, es gibt keine Korruption. Unser Präsident hat gar nichts. Wenn die Ampel auf Rot schaltet, hält er an!