Zeitsprung: Der Fotograf Carlos Barria zeigt ein Bild, dass er vor zehn Jahren an dieser Stelle in New Orleans machte. © Carlos Barria/Reuters

Ich hatte mich auf ein paar entspannte Tage auf Long Island gefreut, es hätte das vielleicht letzte Strandwochenende des heißen Sommers von 2005 werden sollen. Doch jetzt war es Donnerstag, und ich stand am Flughafen mit einem Ticket nach Alabama in der Hand und einem mulmigen Gefühl im Magen.   

Zwei Tage zuvor war der Jahrhundertsturm Katrina knapp an der Innenstadt von New Orleans vorbeigefegt. Der Hurrikan der Stärke fünf hatte das Paris des Südens, wie die Stadt sich seit dem 18. Jahrhundert gern nennt, weitgehend intakt hinterlassen, doch Stunden nachdem die  Sturmböen Dächer abgedeckt und Fenster eingedrückt hatten, brachen entlang des Kanals, der die Stadt durchzieht, die Dämme.  

Mittlerweile zeichnete sich ab, dass die Flut eine der größten Naturkatastrophen in der Geschichte der USA ist, und ich hatte den  Auftrag, mich nach New Orleans durchzuschlagen und davon zu berichten. Es war eine Reise ins Ungewisse, die Informationen darüber, wie die Zustände im Mississippi-Delta sind, waren konfus und widersprüchlich.  

10 Jahre nach Katrina - New Orleans boomt wieder Vor zehn Jahren verwüstete der Hurrikan Katrina New Orleans – heute ist wieder Leben in der Südstaaten-Metropole. Doch der Wiederaufbau ist längst nicht abgeschlossen. Noch immer hat die Stadt 100.000 Einwohner weniger als vor dem Sturm.

Amerika den Spiegel vorgehalten

Meinen ersten Eindruck davon, wie sehr die Dinge am Golf außer Kontrolle geraten waren, bekam ich noch, während ich an meinem Gate stand. Begierig nach zuverlässigen Informationen rief ich beim Foreign Press Center an, einer Dienstleistungseinrichtung des US State Department für Auslandskorrespondenten. Doch der freundliche Offizier dort konnte mir überhaupt nichts sagen. "Alle Information darüber, was da unten los ist, bekommen wir von euch" sagte er und schickte mich dann mit einem  lapidaren "Good Luck" auf den Weg.  

Es war mein drittes Jahr als Korrespondent in den USA, und ich machte mir keine Illusionen über das Land. Ich hatte miterlebt, wie die Bush-Regierung die sinnlose Invasion des Iraks durchgesetzt hatte, hatte den Abu-Ghraib-Skandal gesehen und fassungslos über die Wiederwahl dieser Regierung berichtet. Trotzdem hatte ich noch ein gewisses Grundvertrauen in die Institutionen des Landes. 

Das würde sich in den kommenden Wochen ändern. Katrina änderte von Grund auf, wie ich Amerika sah, aber auch wie Amerika sich selbst sieht. "Es  war so, als seien wir dazu gezwungen worden, vor dem Spiegel stehen zu bleiben, obwohl uns gar nicht gefiel, was es da zu sehen gibt", sagte der berühmte New Orleaner Jazzmusiker Wynton Marsalis nach Katrina.   

Katrina bedeutete für Amerika, hautnah das totale Versagen des Staates zu erleben. "Es war der komplette Systemzusammenbruch", sagte mir 2013 in einem Interview David Simon, der Schöpfer der TV-Serien The Wire und Treme und unermüdlicher Chronist der Fäulnis im Kern des amerikanischen Traums. Für Simon war Katrina das erste Mal, dass die Dysfunktionalität des neoliberalen Staates in ihrem ganzen Ausmaß erkennbar wurde.   

Kinder liefen nackt herum, Frauen in Unterwäsche

Die erste Ahnung davon, was dieser Systemzusammenbruch konkret bedeutet, bekam ich am nächsten Morgen. Ich hatte mich mittlerweile bis nach Jackson im Bundesstaat Mississippi, etwa 250 Kilometer nördlich von New Orleans, durchgeschlagen. Die bröckelige Sportarena der Hauptstadt des ärmsten US-Staates war in eine Notaufnahme für die massenhaft aus New Orleans ankommenden Flüchtlinge umgewandelt worden. Die Szenen, die sich dort abspielten, waren unfassbar.  

Die Menschen wurden in Fahrzeugen aller Art hierher gekarrt, Reisebusse, völlig überladene Privatwagen, Schulbusse sogar. Oft hatten sie nicht mehr bei sich als das Hemd auf ihren Schultern, manchmal nicht einmal das. Kinder liefen nackt herum, Frauen in Unterwäsche.  

In Empfang genommen wurden die Menschen von einem zusammengewürfelten Haufen an Freiwilligen. Das Rote Kreuz war da und teilte Seife, Zahnpasta und Damenbinden aus, Veteranen der Nationalgarde von Mississippi, die ihre alte, von Motten angefressene Uniform hervorgekramt hatten, versuchten irgendwie zu helfen. Doch sie hatten keine Ahnung, wie sie die Situation bewältigen sollten. "Wir haben nicht genug Kleidung, nicht genug Decken, nicht genug Betten und nicht genug Essen", sagte mir ein Helfer. "Ich kann nicht einfach in einen Laden gehen und Milch kaufen, weil kein Geld da ist."

In New Orleans, wo ich am selben Abend ankam, wurde die Lage derweil immer verzweifelter. Fünf Tage, nachdem die Deiche brachen, waren die Zurückgebliebenen noch immer nicht aus dem Katastrophengebiet gebracht worden. Im Superdome und dem Convention Center, wo Zehntausende Schutz vor dem Sturm gesucht hatten, wurden die Zustände von Stunde zu Stunde schlimmer. Es gab kein Wasser, keine Nahrung, keine medizinische Versorgung. Alte und kranke Menschen starben zu Hunderten, und es war nicht einmal jemand da, der die Leichen  abtransportierte.