Im Falle der Enthauptung des kroatischen Technikers Tomislav S. durch den "Islamischen Staat" (IS) gibt es neue Erkenntnisse, die weitreichende Folgen für ausländische Arbeitskräfte und Touristen in Ägypten haben könnten. Nach Angaben der kroatischen Regierung wurde S. in Kairo nicht direkt vom IS entführt. Stattdessen fiel er zunächst Kriminellen in die Hände, die ihn erst Tage später an den IS auslieferten, vermutlich sogar verkauften.

Entführungen und Lösegeldforderungen sind in Ägypten relativ häufig. Sie treffen vor allem koptische Christen oder Mitglieder reicher einheimischer Familien. Nun könnten Kriminelle aber ähnlich wie im Jemen, im Irak und in Syrien dazu übergehen, aus der Entführung von Ausländern und ihrem Verkauf an Dschihadisten ein lukratives Geschäft zu machen.

Für Ägyptens Machthaber Abdel Fattah al-Sissi ist die Enthauptung ein empfindlicher Rückschlag in dem Bemühen, mehr ausländische Investoren und Touristen ins Land zu holen. Ägypten erlebt seit Monaten einen Exodus ausländischer Fachkräfte, denen die Lage im Land wegen der täglichen Bombenanschläge zu unsicher geworden ist. Mehrere westliche Botschaften erwägen, ihre Reisewarnungen für Ägypten erneut zu verschärfen. "Wir müssen die Sicherheitsvorkehrungen in den Feriengebieten verbessern", räumte ein Vertreter der ägyptischen Tourismuskammer ein.

Die französische Compagnie Générale de Géophysique (CGG), bei der Tomislav S. beschäftigt war und die in Ägypten nach neuen Gas- und Ölvorkommen sucht, plant, die Zahl ihrer Mitarbeiter zu reduzieren. Man sei mit den ägyptischen Partnern im Gespräch, "über die Höhe des Risikos, welches wir zu tragen bereit sind", sagte CGG-Sprecher Christophe Barnini der BBC. Auch der britische Ölkonzern BP, der mehrere Tausend Beschäftigte in Ägypten hat, teilte mit, man beobachte die Entwicklung sehr genau.

Zahlreiche westliche Botschaften verstärken seit dem Anschlag auf das italienische Konsulat im Juli und einer Serie von Bombendrohungen gegen ausländische Diplomaten ihre Außenmauern und installieren Metallsperren auf den Bürgersteigen, um Anschläge mit Fahrzeugen zu verhindern. Auch die deutsche Vertretung auf der Insel Zamalek wird in den nächsten Wochen mit einer massiven Sprengschutzmauer verstärkt, wie sie bereits die Botschaften im Jemen und in Irak besitzen.

Opfer gezielt ausgesucht?

Sicherheitsexperten rätseln unterdessen, ob der ermordete Kroate S. Zufallsopfer war oder gezielt ausgesucht wurde, weil er in der Öl- und Gasbranche arbeitete. Nach Angaben seines Arbeitgebers befand er sich am 22. Juli auf dem Weg zum Kairoer Flughafen, als vermummte Bewaffnete seinen Dienstwagen stoppten und den 30-jährigen Vater zweier Kinder in einen weißen Minivan zerrten. Den ägyptischen Fahrer ließen sie entkommen. Dieser sagte später aus, die Täter hätten Arabisch mit beduinischem Akzent gesprochen.

Acht Tage später stellten die Entführer in einer anonymen E-Mail an den Arbeitgeber eine Lösegeldforderung. Man habe die Mail mehrmals beantwortet, ein Lebenszeichen des Entführten verlangt und eine Kontakt-Telefonnummer übermittelt, sagte CGG-Sprecher Barnini. Allerdings habe man nie wieder etwas von den Tätern gehört. Welche Summe gefordert wurde, wollte Barnini nicht kommentieren.

Zwei Wochen später, am 5. August und einen Tag vor der prunkvollen Eröffnung des neuen Sueskanal-Teilstücks, war S. plötzlich im Internet in einem IS-Video aufgetaucht. Der gefesselte Gefangene kniete im Wüstensand und musste eine Erklärung verlesen, in der er seine Hinrichtung durch den "Islamischen Staat" ankündigte, falls die ägyptische Regierung nicht innerhalb von zwei Tagen "muslimische Frauen" aus den Gefängnissen freilasse. Kurze Zeit später war S. ermordet worden.