Als palästinensische Terroristen vor fünfzehn Jahren sechzig Gewehrsalven auf den Van seiner Eltern abfeuerten, saß Meir Ettinger nicht im Auto. Binyamin Ze’ev und Talya Kahane waren sofort tot, ihre fünf Töchter überlebten schwer verletzt. Die Familie war auf dem Weg von Jerusalem in die Siedlung Kfar Tapuach im Westjordanland, wo sie lebte.

Heute ist Meir Ettinger 24 und sitzt im Gefängnis. Am Dienstag wurde er vom israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Bet verhaftet. Er wird unter anderem verdächtigt, hinter dem Brandanschlag auf die Brotvermehrungskirche in Tabhga Mitte Juni zu stecken. Auch mit einem Brandanschlag auf zwei palästinensische Häuser im Westjordanland, bei dem ein 18 Monate altes Kind an den Folgen schwerer Verbrennungen gestorben ist, wird er in Verbindung gebracht. Ettinger werden damit Dinge vorgeworfen, für die auch schon sein Vater mehrere Male in Haft war, bevor er umgebracht wurde: Der rechtsextreme jüdische Siedler soll Anschläge gegen Palästinenser, Christen und andere Israelis geplant und verübt haben. 

Die Anschläge reihen sich ein in eine Serie, die israelische Sicherheitskräfte zunehmend beunruhigt. Seit November 2013 brannten bereits das vierte Mal die Häuser palästinensischer Familien. In den anderen drei Fällen hatten die Bewohner Glück und konnten rechtzeitig entkommen. Bei der Jerusalemer Gay Parade hatte am Donnerstag vergangener Woche der ultraorthodoxe Jude Yishai Schlissel sechs Teilnehmer mit einem Messer niedergestochen. Ein 16-jähriges Mädchen erlag am Wochenende ihren Verletzungen, wie das Jerusalemer Hadassah-Krankenhaus mitteilte. Schlissel war erst vor wenigen Wochen aus seiner zehnjährigen Haft entlassen worden, die er für einen ähnlichen Angriff verbüßen musste. Premierminister Benjamin Netanjahu kündigte an, hart gegen jüdische Extremisten vorzugehen.

Doch diese Anschläge, die selbst der Ministerpräsident inzwischen "jüdischen Terrorismus" nennt, kommen nicht aus dem Nichts. Bestätigen sich die Vorwürfe gegen Ettinger, würde er nicht nur das hasserfüllte Werk seines rechtsextremen Vaters fortführen, sondern auch das ebenso hässliche Erbe seines Großvaters: Der amerikanisch-israelische Rabbi, Meir Kahane, war der Gründer der rassistischen Kach-Partei. Auch er wurde umgebracht: Im November 1990 erschoss ihn El Sayyid Nosair, ein ägyptisch-stämmiger Amerikaner, im Marriott East Side Hotel in Manhattan.

Nach seinem Tod wurde Baruch Marzel zum Leiter der Kach-Bewegung gewählt. Eine Splittergruppe der Kach, Kahane Chai ("Kahane lebt"), wurde von seinem Sohn Binyamin Ze'ev Kahane geführt. 1988 schon war die Kach-Partei in Israel von den Wahlen ausgeschlossen worden. Das Oberste Gericht hatte sie als "rassistisch" eingestuft, da sie die Vertreibung der arabischen Staatsbürger Israels aus Israel befürwortete. Als Kach dann jedoch das Massaker verteidigte, bei dem der rechtsextreme Siedler Baruch Goldstein 1994 in der Abrahamsmoschee in Hebron 29 betende Muslime niederschoss, wurde sie als terroristische Organisationen eingestuft und verboten.

Der damalige Kach-Anführer Marzel befürwortet auch Gewalt gegen Homosexuelle. 2006, ein Jahr nach der ersten Messerattacke durch Yishai Schlissel, rief der inzwischen 55-Jährige zu einem religiösen Krieg auf und sagte, dass "die Messerattacke während der Parade des letzten Jahres klein im Vergleich zu dem erscheinen wird, was dieses Jahr zu erwarten ist". Marzel ist heute prominenter Unterstützer der Organisation Lehava, die sich zwar von der jüngsten Messerattacke auf der Gay-Parade distanzierte, den Anlass aber nutzte, um an die Polizei zu appellieren, die Parade nicht mehr in Jerusalem stattfinden zu lassen. 2010 hatte er noch gesagt: "Wenn jemand Aids hat, wird ihm gesagt, dass er nicht andere anstecken soll – also warum wird diesen Leuten erlaubt, hier in Jerusalem aufzumarschieren und uns mit ihrer Krankheit anzustecken?"

Auch die rechtsextreme Jewish-Defense-League geht auf Rabbi Kahane zurück

Meir Kahanes Erbe reicht allerdings noch weit über die Kach-Bewegung hinaus: Auch die rechtsextreme Jewish-Defense-League (JDL) geht auf den Rabbi zurück. Ursprünglich gründete er sie, um chassidische Juden im Brooklyn der 1960er Jahre vor Übergriffen und wachsendem Antisemitismus zu schützen. In offiziellen Stellungnahmen distanziert sich die Organisation zwar von Terrorismus und Rassismus, doch auch sie rechtfertigte das Massaker in Hebron. Graffiti in der Stadt im Westjordanland, die seit der Tat im Ausnahmezustand steckt, erinnern daran: "Vergast die Araber!", steht dort im Namen der JDL geschrieben. Die JDL ist bis heute international aktiv und betreibt auch in Deutschland eine Web- und eine Facebookseite. Die englische Website der Organisation lobt den Attentäter: "Dr. Goldstein war ein brillanter Chirurg und ein freundlich gestimmter Jeschiwa-gebildeter Mann, der zum Major der Israelischen Verteidigungskräfte befördert wurde."

Auf der Website ist auch von Yigal Amir, dem Mörder des israelischen Premierministers Jitzchak Rabin, die Rede: "Wir glauben Yigal Amir hat sein wertvolles Leben verschwendet." Rabin das Leben zu nehmen sei es nicht wert gewesen, sein restliches Leben im Gefängnis zu verbringen. Auch Amir war kein Einzeltäter. Der rechtsextreme Aktivist und Siedler organisierte unter anderem Demonstrationen in Hebron. Und auch seine Tat fand wiederum einen prominenten Verteidiger: Binyamin Ze’ev Kahane.

Sie alle, die organisierten Extremisten und die fanatischen, vermeintlichen Einzeltäter eint die Bereitschaft, für ihre kruden Ziele auch zum Äußersten zu greifen. Sie versuchten auch nie, ihre Taten vom Judentum fernzuhalten. Ganz im Gegenteil: Sie glaubten sich religiös im Recht. Bei den jüngsten Anschlägen auf die Brotvermehrungskirche in Tabgha und auf die beiden Wohnhäuser in Duma hinterließen die Täter Graffiti wie den Davidstern oder das hebräische Wort für "Rache".

Solche Botschaften werden bei sogenannten Preisschild-Attacken hinterlassen. Die Rache, so meinen sie, ist der Preis für jede Beschränkung, die ihnen vom Staat Israel im Siedlungsbau auferlegt wird.

Das Fatale: Die Regierung gibt den Extremisten immer wieder nach. Für den Abriss zweier illegaler Häuser in der Siedlung Bet El nordöstlich der palästinensischen Stadt Ramallah, den der Oberste Gerichtshof verfügt hatte, kündigte Netanjahu kürzlich an, in der Siedlung den Bau 300 neuer Wohnungen zu genehmigen. Zudem sollen 500 Häuser in Ost-Jerusalem entstehen. Die Ultranationalisten in der Regierung hatten Netanjahu Druck gemacht, als Ersatz für die abgerissenen Häuser neue Wohnungen an anderer Stelle zu genehmigen. Ein Schritt, den auch die Preisschild-Attentäter als Erfolg verbuchen können.

Das Zugeständnis mag Netanjahu aufgrund seiner fragilen Regierungskoalition alternativlos erscheinen. Sein rechts-religiöses Bündnis hat in der Knesset, dem israelischen Parlament, nur die knappe Mehrheit einer einzigen Stimme. Netanjahu wird deshalb auch in Zukunft immer versucht sein, seine Mehrheit im Parlament zu sichern, indem er seinem rechtsradikalen Koalitionspartner entgegenkommt – wie in Bet El. 

Doch es ist ein doppeltes Spiel. Netanjahu weiß, dass nur eine extreme Minderheit der Israelis und selbst der Siedler die Taten der Rechtsextremisten unterstützt. Tausende demonstrierten in Israel gegen die Hassverbrechen. Der Ministerpräsident kündigte deshalb an, hart gegen den jüdischen Terrorismus vorzugehen. Die Verhaftung des jungen Meir Ettinger weist in diese Richtung. Zugleich aber können die Extremisten einen Sieg verbuchen, weil der Ministerpräsident letztlich ihren Zielen nachkommt.