Man erkennt die Revolutionstouristen leicht, an ihren Tüchern und an ihrem Gang. Den Stoff mit den für diese Gegend typischen Blumenmustern haben sie sich um den Hals gewickelt, nicht wie die einheimischen Frauen hier in Diyarbakır um den Kopf. Das wäre ja religiös, und mit Religion wollen sie nichts zu tun haben. Auf den Rücken tragen sie oft bunte Patchwork-Rucksäcke, und ihr Schritt ist leicht und unbeschwert. Ganz anders als der vorsichtige Gang der Einheimischen hier, die immer etwas angespannt durch ihre eigene Stadt gehen, durch staatliche Gewalt und Repression auf ständige Reaktionsbereitschaft trainiert.

Der kurdisch geprägte Osten der Türkei ist eigentlich kein Touristengebiet. In vielen Türkei-Reiseführern kommt er gar nicht erst vor, und wenn Ausländer ins Flugzeug nach Diyarbakır steigen, der größten Stadt der Region, kommt es immer wieder vor, dass sie die türkischen Ticketkontrolleure fassungslos anstarren. "Warum denn ausgerechnet Diyarbakır? Fahr lieber nach Izmir. Da ist es schöner." Für viele Türken rangiert die Region immer noch irgendwo zwischen Problemviertel und Kriegsgebiet.

Trotzdem – oder gerade deshalb – hat sich hier längst ein linker Revolutionstourismus entwickelt. Sie kommen aus den westlichen türkischen Städten, aus Istanbul oder Ankara, aus Skandinavien, Deutschland, Frankreich, Italien, Griechenland, zahlreich aus Katalonien, hin und wieder auch aus den USA. Spätestens seit dem Kampf der syrisch-kurdischen YPG in Kobane ist das Kurdengebiet kein Geheimtipp unter Anarchisten mehr. Die Solidarität für die kurdischen Autonomiebestrebungen ist riesig. 

Fast alle, die kommen, absolvieren hier dasselbe Programm: Sie landen auf dem Militärflughafen, trinken Tee in den Cafés, die als "autentik" gelten, und fahren dann ins Fidanlik-Camp, wo die jesidischen Flüchtlinge aus Sindschar seit fast einem Jahr leben. Wer Zeit hat, fährt dann mit dem Minibus nach Suruç direkt an der Grenze, um die Flüchtlinge aus Kobane zu besuchen. Meistens wohnen die politischen Touristen bei Aktivisten in Diyarbakır, junge Menschen, die studiert haben und passables Englisch sprechen. Die vielleicht gar Vegetarier sind, sich für die Rechte der LGBT-Community oder für Prostituierte einsetzen. Solch ein Lebensstil gilt in Diyarbakır als ziemlich radikal, doch er ist wunderbar kompatibel mit den Vorstellungen der linksgesinnten Besucher. Sie sprechen dann also mit Akademikern, denen eine Frauenquote, Sozialismus und Ökoprojekte in Kobane wichtig sind. Von Staaten und vom Kapitalismus wollen sie nichts wissen. 

Diese linke Szene ist ein wichtiger Bestandteil der kurdischen Bewegung. Aber: Sie ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einem riesigen Spektrum an säkularen, tief gläubigen, wertliberalen und wertkonservativen Kurden. Mit den meisten Gruppen kommen die jungen Linken, die hierhin reisen, aber fast nie in Kontakt – mit den Traditionellen, den Religiösen oder den Alt-PKKlern, die sich noch einen kurdischen Nationalstaat ersehnen – dafür haben sie schließlich jahrzehntelang gekämpft, dafür wurden sie eventuell gefoltert. Menschen, die den (türkischen) Staat weitaus mehr hassen als den Kapitalismus. Für die die sozialistische Grundierung der Schriften des PKK-Führers Abdullah Öcalan eher irrelevantes Beiwerk sind. Nicht sein linker, sozialistischer Ton hat die Massen für die PKK mobilisiert, sondern die brutale Unterdrückung durch den Staat. Der kurdische Kampf entstand aus Angst, Demütigungen und Alternativlosigkeit kombiniert mit einem charismatischen Anführer, nicht aus Ideologie.

Dass viele europäische Linke davon nichts wissen wollen, verfälscht ihr Bild massiv. So kommt es, dass man sich in einer WG-Küche in Barcelona mit einer Aktivistin über die PKK unterhält, in ihrem Zimmer liegen zwei Broschüren, eine über die Frauenbewegung der PKK und eines über den PKK-Gründer Abdullah Öcalan. Sie freut sich über den kurdischen Feminismus und über die feste Frauenquote von 40 Prozent in der prokurdischen Partei HDP und der PKK-nahen PYD (Partei der demokratischen Union) in Syrien. Die Anmerkung, dass auf den vielen Frauenkongressen und den Frauendemos jedoch in erster Linie Öcalan, ein Mann, gefeiert wird und sich der Inhalt auf massentaugliche Slogans wie "Frau, Leben, Freiheit" reduziert, stört sie dann aber. Auf konkrete Beispiele von Sexismus in PKK-nahen Kreisen antwortete sie knapp: "Das sehe ich anders." In der Region war sie noch nie. Aber sie hat die Broschüren mit den Bildern von hübschen jungen Frauen, die vor Glück strahlen, in den Bergen Kandils mit der Kalaschnikow exerzieren zu dürfen.

Mit Themen wie sexueller Selbstbestimmung, LGBT-Rechten, Bildungschancen und Verhütung bekommt man eben auch in Diyarbakır keine Zehntausende auf die Straßen. Mit Sprechchören gegen den Staat und für die Freiheit Öcalans schon. Der kurdische Kampf um Autonomie ist nicht romantisch.