Zwei Männer und eine Frau stehen weit nach Mitternacht auf dem Parkplatz einer kleinen Holzkirche in Oak Ridge, Tennessee und testen ihre Taschenlampen. Was Megan Rice, Michael Walli und Gregory Boetje-Obed in dieser Nacht vorhaben, ist gefährlich. Sie wissen, dass man möglicherweise auf sie schießen wird, die drei haben sich die Sache sehr gut überlegt. Sie schultern ihre Rucksäcke und gehen los. Ihr Ziel ist Y-12. Der Ort, an dem Amerikas Vorrat an waffenfähigem Uran liegt.

Der Kalte Krieg ist seit über 20 Jahren vorbei, jeder amerikanische Präsident hat seitdem eine Verkleinerung des Atomwaffenarsenals versprochen, und 2009 sagte Barack Obama in Prag sogar: "Eine Welt ohne Atomwaffen ist möglich." Im folgenden Jahr unterzeichnete Obama ein Abkommen mit Russland, in dem sich beide Länder verpflichteten, ihre Nuklearsprengköpfe weiter zu reduzieren. Obama erhielt auch dafür 2009 den Friedensnobelpreis. Heute versucht er mit aller Dringlichkeit, den Iran davon abzuhalten, eine Atombombe zu bauen.

Blickt man allerdings in Obamas Haushaltsentwurf für 2015, ist von Abrüstung nicht mehr viel zu spüren. Die Mittel für die Modernisierung der alternden Atomsprengköpfe wurden stark erhöht, die Mittel für den Abbau der Atomwaffen gekürzt. Für das Jahr 2016 wurde das gesamte Nuklear-Budget sogar um 10,5 Prozent auf 8,85 Milliarden angehoben, das entspricht dem Höchststand von 1985 unter Ronald Reagan während des Kalten Krieges. Was in den unscheinbaren Etatzahlen versteckt ist, ist der Beginn einer kompletten Modernisierung des amerikanischen Nuklearwaffenarsenals, der laut Monterey Institute in den nächsten 30 Jahren etwa eine Billion Dollar kosten wird. Ist aus dem gefeierten Abrüster Obama ein heimlicher Aufrüster geworden? Und das in einer Zeit, in der sich die beiden Atommächte Russland und Amerika in der Ukraine über den Grenzverlauf zwischen dem Westen und Russland streiten. Ein Streit, der von beiden Seiten so ernst genommen wird, dass er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder die Angst vor einem Atomkrieg in Erinnerung ruft.

Aber Gefahr droht nicht nur von einer möglichen Eskalation zwischen den beiden Nuklear-Großmächten. Das amerikanische Arsenal und die dazugehörigen Nuklearanlagen selber sind zu einem Unsicherheitsfaktor geworden.

Die Geschichte von Y-12 und seinen drei Eindringlingen Megan Rice, Michael Walli, Gregory Boetje-Obed erzählt, wie es dazu kommen konnte.

Der Y-12 National Security Complex in Oak Ridge liegt eingeschlossen in das malerische Flusstal des Bear Creek Valleys. Y-12 wurde 1943 als Teil des Manhattan Projekts gebaut. Hier wurde der Uran-Sprengkopf der Bombe montiert, die am 6. August 1945 über Hiroshima abgeworfen wurde. Secret City hieß der Ort damals, denn er war auf keiner Karte verzeichnet. Nach dem Ende des Kalten Krieges hat Amerika sich verpflichtet, keine neuen Atomwaffen herzustellen. Was aber mit dem gigantischen, alternden Nuklearwaffenkomplex geschehen sollte, der diese Bomben einmal hergestellt hatte, das wollte in den USA keiner entscheiden. Und so wurden zuerst die Gelder weniger und dann die Dächer der Holzhäuser immer undichter. Behälter mit spaltbarem Material standen auf feuchtem Boden, Container mit leicht entzündlichem Uran lagerten jahrelang in Fluren, und über 60 Prozent der Uran-Container waren überhaupt nicht erfasst. Das waffenfähige Uran wurde bis vor wenigen Jahren in einem 50 Jahre alten Lagerhaus aus Holz aufbewahrt, über das 1995 ein betrogener Ehemann ohne Schwierigkeiten im Niedrigflug Nacktbilder seiner Frau abwerfen konnte. Lange musste die Produktion im Gebäude 9212, in dem das angereicherte Uran bis heute verarbeitet wird, aus Sicherheitsgründen eingestellt werden. Oak Ridge wurde zum Detroit der Nuklearindustrie. Ohne dass es jemals aufhörte zu arbeiten.

Mehr Atomwaffen als nötig

Und im Rest des atomaren Nationalen Sicherheitskomplexes sah es nicht viel besser aus. Dazu gehören Forschungseinrichtungen wie Los Alamos, ein Testgelände und vier Produktionsstätten wie jene in Oak Ridge.

Und gerade deshalb ertasten die drei Lichtkegel der Taschenlampen von Rice, Walli und Boetje-Obed in dieser Sommernacht vor knapp drei Jahren den waldigen Berghügel vor ihnen. Denn die drei wollen zeigen, wie gefährlich das ist, was hier passiert. Es dauert 20 Minuten, bis sie den zwei Meter hohen Maschendrahtzaun erreicht haben. Dahinter liegt die Patrouille-Route der Sicherheitsleute. Gelbe Plastikschilder warnen "No Trespassing", "Unbefugter Zutritt verboten". Mit einem Bolzenschneider durchtrennen sie den Zaun. Der Mond steht hoch am Himmel, als die drei die Sicherheitszone des Y-12 National Security Complex in Oak Ridge, Tennessee betreten. Boetje-Obed ist 56 Jahre, Walli ist 63, und Megan Rice ist 82 Jahre alt. Eine katholische Nonne mit einem Abschluss in Zellbiologie und ihre beiden Begleiter, zwei Armee-Veteranen.

Als die Mängel in Oak Ridge Ende der 1990er Jahre immer offensichtlicher wurden, da lautete die Frage, soll man die Anlage schließen oder modernisieren? Die Welt hatte sich verändert und Amerika besaß mehr Atomwaffen als nötig, auf Unterseebooten, Flugzeugen, zu Land. Hunderte waren alleine über den ganzen amerikanischen Westen verteilt, in Wyoming, Montana, North Dakota, jederzeit bereit, abgefeuert zu werden. Tausende standen als Reserve in Silos. Ein gigantisches Arsenal, das gepflegt und jeden Tag minutiös überprüft werden muss. Dazu kamen noch ihre alten Anlagen Oak Ridge, Los Alamos und weitere. Das Foreign Intelligence Advisory Board des Präsidenten beschrieb die Situation in einem Bericht im Juni 1999 mit den Worten: "wissenschaftlich im Bestzustand", aber "Sicherheit im denkbar schlechtesten".

Gebraucht wurden die vielen, teuren Anlagen aus dem Kalten Krieg längst nicht mehr. Um Russland nach einem Atomangriff auf die USA nuklear zu vernichten, reichte ein Bruchteil der Atomwaffen, die Amerika immer noch als Resultat der enormen Aufrüstung während des Kalten Krieges besaß. Diese Tatsache bekräftigte vor wenigen Jahren sogar der ehemalige Befehlshaber der nuklearen Streitkräfte, General James Cartwright, in einer Studie. Aber ohne Nuklearanlage kein Oak Ridge, und ohne Oak Ridge keine 25.000 Jobs in und um die Anlage herum. Und so entschied man sich Ende der 1990er Jahre, die Anlage zu behalten und nur die gröbsten Mängel zu beseitigen. Ein Prozess, den der Rechnungshof seit Langem als schlecht geplant und überteuert kritisiert. Zwischen 1997 und 2006 gab es trotz der Reparaturbemühungen in Oak Ridge 21 Feuer und Explosionen.