Die Nachricht von den erstickten Flüchtlingen erreichte die in der Wiener Hofburg versammelten Politiker am Konferenztisch. Als Mahnung zu einem entschiedeneren Handeln wollten die Teilnehmer der Westbalkan-Konferenz die düstere Botschaft verstanden wissen. Es müsse sich in der Flüchtlingspolitik etwas ändern. "Wir können nicht für jedes Opfer eine Schweigeminute einlegen", sagte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini.

Rat- und konzeptlos wirkten die europäischen Entscheidungsträger während der Flüchtlingskrise in den letzten Wochen. Doch ausgerechnet beim Stelldichein mit den EU-Anwärtern, die als Transitstaaten auf der sogenannten Balkan-Route die Folgen der widersprüchlichen Politik der EU-Partner auszubaden haben, schienen die Schirmherren der völlig im Schatten der Flüchtlingskrise stehenden Konferenz wieder um einen Zugriff auf das verlorene Heft des Handelns bemüht: Die vor allem von Gastgeber Österreich und Deutschland verkündeten Appelle für eine gemeinsame Flüchtlingspolitik gingen mit unverhohlener Kritik an den kooperationsunwilligen EU-Partnern einher.

Zumindest Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schien von neuem Elan beflügelt. Die Regierungschefin kündigte an, bis Jahresende Registrierungszentren in Griechenland und Italien einzuführen, sich um faire Aufnahme-Quoten sowie eine Überarbeitung der faktisch außer Kraft gesetzten Rückabnahme-Abkommen von Dublin zu kümmern. Die EU-Kommission könne dabei aber nur die Initiative übernehmen: "Umgesetzt werden muss das von den Mitgliedsstaaten."

Doch genau an der geforderten gemeinsamen EU-Flüchtlingspolitik mangelt es. Das EU-Sorgenkind Griechenland winkt die Flüchtlingsmassen einfach in Richtung Mazedonien durch. Und EU-Solist Ungarn hat mit dem Bau eines Grenzzauns in den letzten beiden Monaten überhaupt erst für die kräftige Intensivierung des Flüchtlingsstroms gesorgt.

Steinmeier warnt vor Alleingängen

Stoppen wird die vor allem fürs heimische Publikum erfolgte Selbstabgrenzung die Transit-Immigranten kaum, allenfalls umlenken. Doch der neue Stacheldraht brüskiert nicht nur Nachbar Serbien, sondern halst dem ausgezehrten EU-Anwärter auch noch das Problem abgeschobener und in der Grenzregion gestrandeter Flüchtlinge auf. Vor Alleingängen in der Flüchtlingspolitik warnte denn auch der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD): "Wir glauben nicht, dass Grenzzäune das Problem lösen werden."

Doch eine gemeinsame Lösungssuche scheint nicht in Sicht. Mittel-und osteuropäische EU-Mitglieder stellen bei der Forderung nach Aufnahmequoten auf Durchzug. Andere wie Polen oder die Slowakei machen aus ihrem Unwillen, Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen, keinerlei Geheimnis. Er lehne die Aufnahme neuer Flüchtlinge ab, weil sein Land mit einer vermehrten Zahl von ukrainischen Flüchtlingen zu rechnen habe, sagte Polens neuer Präsident Andrzej Duda.

Diejenigen Mitglieder, die bisher nicht betroffen seien, hätten an der Lösung der Krise nur wenig Interesse, sagte der österreichische Außenminister Sebastian Kurz, warum – im Gegensatz zur Euro- und Griechenland-Krise – offenbar selbst das Ansetzen eines EU-Sondergipfels ein Problem zu sein scheint: Bislang wiesen 18 EU-Mitglieder gemeinsam eine geringere Zahl aufgenommener Flüchtlingen auf als Österreich.