"You wanna see my ID? This is my ID!", schreit ein aufgebrachter Mann und zückt seine Waffe. Die meisten der verdeckten Sicherheitskräfte, die uns bei unseren Dreharbeiten in Kairo auf Schritt und Tritt folgen, ziehen auf Nachfrage aus Hemd- oder Hosentasche einen kreditkartengroßen Ausweis. Einige werden aggressiv. Dieser Geheimdienstler rastet auf die Frage hin vollkommen aus. Dass die Situation nicht eskaliert, ist nur dem Einschreiten anderer ziviler Sicherheitskräfte zu verdanken. Sie schaffen es nach 30 Minuten, ihren Kollegen zu beruhigen.

Seit vier Jahren arbeite ich mit einem deutsch-ägyptischen Fernsehteam regelmäßig in Kairo. Seit Anfang August produzieren wir unser Wissenschaftsmagazin Die Welt von morgen auch für das arabische Programm von Al Jazeera. Wie gefährlich die Arbeit für Journalisten sein kann, zeigt die erneute Verurteilung von zwei Al-Jazeera-Kollegen am vergangenen Wochenende. Anfeindungen und Übergriffe sind inzwischen alltäglich. Wir werden eingeschüchtert, mitten in Kairo mit Waffen bedroht – immer angeblich von Mitarbeitern der Mukhabarat, der Geheimdienste. Dass wir einen Tasreech, also eine Drehgenehmigung bei uns haben, interessiert die bewaffneten Männer in Zivil nicht. Manchmal brechen wir die Dreharbeiten entnervt ab oder müssen sogar fliehen, bevor sich die Lage weiter zuspitzt.

Solche Situationen hätte ich mir nicht vorstellen können, als wir 2012 mit der Produktion der Beiträge und Moderationen für unsere Sendung in Ägypten begannen. Monat für Monat habe ich seither miterlebt, wie sich das gesellschaftliche Klima im Land verschlechtert. Wie die mühsam während der Revolution erkämpften Freiheiten verschwinden – besonders für Journalisten.

Wer als ausländischer Journalist derzeit in Ägypten unterwegs ist, wird ständig von Polizisten und Sicherheitskräften, aber auch von Kollegen, gefragt: "Für wen seid ihr?" Gemeint ist, für welche politische Bewegung der Sender, für den man arbeitet, ein Sprachrohr sei. Unabhängige Berichterstattung ist für die meisten Ägypter undenkbar geworden.

Daran ist Al Jazeera, zu Deutsch "die Insel", nicht ganz unschuldig. Eine Insel der Meinungsfreiheit sei der Sender inmitten von Unfreiheit, so sprachen Mitarbeiter vor dem Arabischen Frühling über Al Jazeera. Das würde heute kaum noch jemand im Nahen Osten unterschreiben. Zu offen haben sich die Senderchefs in Katar für den Muslimbruder-Präsidenten Mohammed Mursi eingesetzt. Das Image des Islamistenunterstützers wird Al Jazeera bis heute nicht los. Die unausgewogene Berichterstattung über den Arabischen Frühling hat den Ruf des Senders in Ägypten zerstört. Wir haben uns nach einiger Diskussion trotzdem dafür entschieden, für den Sender zu arbeiten. Weil wir mit unseren Beiträgen positive Beispiele und Geschichten verbreiten können und damit auch Menschen erreichen, die diese Themen vielleicht sonst nicht mitbekommen würden.

Gleichzeitig hatten sich lokale TV-Sender seit dem Ende der Mubarak-Diktatur rasant entwickelt. Ägypten war dabei, sich zu emanzipieren von ausländischen, panarabischen Sendern wie Al Jazeera – eigene Nachrichtensender konnten den Informationshunger der Bevölkerung nach 2011 bedienen. Da war nicht alles gut, die Rahmenbedingungen waren auch unter Mursi schwierig. Die Ausgewogenheit vieler Berichte entsprach noch nicht unserem westlichen Verständnis. Aber es gab bis Ende 2014 eine beachtliche Pluralität an Sendern und Meinungen und den Ehrgeiz unter Journalisten, eigene politische Berichterstattung zu entwickeln. Jetzt stirbt dieses bisschen Medienfreiheit einen möglicherweise schnellen Tod.

Das Verhältnis von Staat und Medien spiegelt den Rückfall Ägyptens in düstere Vergangenheit. Wie frühere arabische Diktatoren unterdrückt die Militärregierung jeden, der ihre Macht gefährden könnte. Sie hat Gesetze verabschiedet, die Journalisten – wie jetzt im Fall der Kollegen von Al Jazeera – mit hohen Strafen bedrohen. Die Verfolgung von Aktivisten, Bloggern und prominenten Journalisten wegen einer angeblichen "Bedrohung der nationalen Sicherheit" zeigt Wirkung. Einige der prominentesten TV-Gesichter des Landes, wie Reem Maged oder Yosri Fouda, wurden auf Weisung der Regierung vom Schirm genommen.

Deutschlands Rolle bei all dem ist beschämend. Die Bundesregierung scheint tief verunsichert, wie sie mit dem Wandel im Nahen Osten umgehen soll. Nach 2011 sind Millionen Euro in mehr oder weniger nachhaltige Dialogprojekte geflossen, in Workshops und Begegnungsstätten. Unter Guido Westerwelle hat das Auswärtige Amt im Gießkannenprinzip Stipendien für junge Studierende vergeben nach der Devise "viel hilft viel". 

Der Autor beim Dreh vor den Pyramiden © Al Jazeera

Unsere Sendung wird ebenfalls seit 2012 vom Auswärtigen Amt gefördert, wegen des Erfolgs des Programms wird diese Unterstützung bis heute fortgesetzt. Doch Anfang des Jahres unterbrach das Ministerium die Zusammenarbeit mit Ägypten beinahe gänzlich. Politische Stiftungen wie die Konrad-Adenauer-Stiftung haben das Land bereits verlassen oder – wie die Friedrich-Naumann-Stiftung – erwägen diesen Schritt. Denn auch die Arbeit ausländischer Organisationen wurde durch neue Gesetze der Militärregierung zunehmend riskant. Aber die Institutionen und Menschen in Ägypten haben den Dialog gerade jetzt nötiger denn je.

Denn viele Ägypter halten den Arabischen Frühling mittlerweile für eine Fehlzündung. Nach Jahren, in denen die Wirtschaft dahin siechte, die Grundversorgung etwa mit Strom nur lückenhaft funktionierte, setzt sich die Meinung fest, dass die Situation vor dem Sturz Mubaraks irgendwie besser gewesen sei. Und so bewegt sich das größte arabische Land zurück – auf bleierne Jahre in einer erneuten Diktatur zu.

In diesem Klima hat die für journalistische Arbeit so wichtige Meinungsfreiheit ihren Wert fast vollständig verloren. Die Aufregung im Land über das harte Urteil gegen die Kollegen von Al Jazeera hält sich deswegen in Grenzen. Der Arabische Frühling war Ausdruck der Frustration Millionen junger Menschen, die keine Perspektive in ihrer Heimat sahen. Heute ist ihre Perspektive düsterer denn je. Die Militärregierung wird weder die wirtschaftlichen Probleme des Landes lösen, noch die gesellschaftlichen Fliehkräfte dauerhaft binden. Ägypten hat eine historische Chance vertan.