Bisher hat es in der Griechenland-Krise noch kein Ministerpräsident geschafft, ein Hilfsprogramm zu unterschreiben und dann eine Wahl zu gewinnen. Alexis Tsipras ist das nun gelungen, und zwar mit einem deutlichen Ergebnis: Die linke Syriza-Partei bleibt mit etwa 35 Prozent die stärkste politische Kraft des Landes und kann sich seine Partner mehr oder minder aussuchen. Welche Koalition nun aus diesem Ergebnis resultiert, ist noch nicht ganz ausgemacht, aber es deutet alles auf eine Fortsetzung der bisherigen Konstellation hin: Linksrechts-Regierung mit den Unabhängigen Griechen. Das zumindest war das erklärte Ziel der beiden Partner – und das scheinen sie nun erreicht zu haben.

Tsipras hat mit der Neuwahl aus denkbar schlechten Voraussetzungen für sich das Beste heraus geholt. Seine Partei befand sich nach der Unterschrift unter das dritte Hilfspaket in Auflösung. Der Ministerpräsident hätte im Juli entscheiden können, mit einer Minderheitsregierung weiter zu arbeiten – aber lange hätte er dies politisch nicht überlebt. Die sozialistische Pasok und die liberale Partei To Potami verlangten für ihre Unterstützung eine Gegenleistung: nämlich den Rücktritt von Tsipras und die Einsetzung eines neutralen Übergangspremiers.

Der Syriza-Vorsitzende aber wählte wieder einmal die Flucht nach vorne und leitete möglichst schnell die Neuwahl ein. Ein riskanter Zug, aber es hat ihm genutzt. Denn obwohl er mit dem neuen Hilfspaket seine eigene Politik konterkariert hatte, haben die Menschen bisher die Auswirkungen der geplanten Reformen noch nicht zu spüren bekommen. Wäre es beispielsweise erst in einem dreiviertel Jahr zur Neuwahl gekommen, hätte das für Tsipras das Ende bedeuten können. Nun aber nutzte er die verbliebene Dynamik der vergangenen Monate: Schließlich legten ihm die Menschen das Chaos im Sommer nicht als seinen Fehler aus. Stattdessen glaubten viele Wähler, dass allein die Gläubiger die Bankenschließung veranlasst hätten und das Land zum Euro-Austritt drängten. Die Wahrheit ist, dass auch die Regierung Tsipras und vor allem der frühere Finanzminister Yanis Varoufakis mitverantwortlich dafür sind, dass es soweit kam.

Die politische Kultur verfällt

Verlierer dieser Wahl sind erneut die Konservativen und Sozialisten, die Tsipras erfolgreich als Verantwortliche der Krise abqualifizierte. Auch wenn beide mit ihrem neuen Personal leichte Zugewinne erreicht haben, so dürfte doch entscheidend gewesen sein, dass die Mehrheit der Wähler nicht die alten politischen Kräfte des Landes zurück an der Macht sehen wollte.

Es gibt aber noch einen anderen Verlierer: Die politische Kultur in Griechenland verfällt weiter. Die rechtsradikale Goldene Morgenröte konnte ihre Position als drittstärkste Kraft weiter ausbauen. Zudem sind seit Ende der Diktatur 1974 noch nie so viele Menschen einer Wahl ferngeblieben wie jetzt. Die Wahlbeteiligung lag den Hochrechnungen zufolge bei etwa 55 Prozent – ein absoluter Negativrekord. Das Interesse an Politik und der Glaube an die Wirkung der eigenen Stimme waren niemals geringer. Eine traurige und besorgniserregende Entwicklung.

Hoffen auf die Wende

Das ist traurig, zumal die Demokratie in Griechenland auch in den Jahren der Krise einigermaßen lebendig blieb, die politische Kultur im Sinne einer breiten Beteiligung funktionierte. Auch im Jahr 2012 gab es zwei Neuwahlen, die in noch kürzerem Abstand aufeinander folgten. Selbst an der zweiten Abstimmung beteiligten sich noch 62 Prozent der Wähler. Die Mehrheit entschloss sich damals gegen Syriza und Alexis Tsipras und stimmte klar für die Sparpolitik der EU. Dabei hatten die Menschen schon seit einiger Zeit ihre Erfahrungen mit den Auswirkungen der Reformen und der Wirtschaftskrise gemacht.

Anfang dieses Jahres schließlich kam die Wende: Die Mehrheit im Land war nicht mehr dazu bereit, die Last der Sparpolitik zu tragen. Es wurde ihnen schließlich von Tsipras eine Alternative angeboten, die lautete: Griechenland kann im Euro bleiben, ohne allein auf Austerität zu setzen. Doch in den vergangenen sieben Monaten haben nicht nur die Syriza-Wähler schmerzlich feststellen müssen, dass eine andere Politik mit der EU und dem Internationalen Währungsfonds als Kreditgebern nicht möglich ist. Tsipras selbst hat mehrmals eingeräumt, seine Verhandlungspartner in Brüssel unterschätzt zu haben.

Das Ergebnis dieser Wahl lässt sich also so zusammenfassen: Griechenland will weiter von Alexis Tsipras regiert werden, auch wenn der sein wichtigstes Versprechen nicht einlösen konnte: das Ende der Sparpolitik. Trotzdem glauben die Menschen, dass nur er den Staat reformieren, die Korruption bekämpfen und Griechenland in eine bessere und linkere Zukunft führen kann.