20 Kilometer vor Cizre war Schluss. Am Donnerstagnachmittag hielt die türkische Polizei eine Delegation der prokurdischen Partei HDP auf, die erst mit dem Auto, später zu Fuß in die 110.000-Einwohner-Stadt an der syrischen Grenze gelangen wollte. Zu der Gruppe gehörten neben dem Co-Vorsitzenden Selahattin Demirtaş und etlichen Abgeordneten auch zwei Minister der Übergangsregierung.

Doch selbst für diese Minister gilt: Cizre ist tabu. Sperrgebiet, allein dem Militär überlassen. Was dort geschieht, bleibt der Öffentlichkeit verborgen.

In der Stadt, die als Hochburg der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK gilt, und in der die HDP bei den Wahlen im Juni 91 Prozent der Stimmen erreichte, gilt seit vergangenem Freitag eine totale Ausgangssperre. Militärisches Sperrgebiet. Niemand darf hinein in die Stadt und niemand hinaus.

Bis hierhin ist die Lage klar. Danach wird es kompliziert. Weil keine unabhängigen Beobachter nach Cizre dürfen, lassen sich die Angaben über die Lage in der Stadt nicht überprüfen. So widersprechen sich die Lesart des türkischen Staats und die der kurdischen Aktivisten und HDP-Politiker.

Das Militär sagt: Die Blockade ist nötig, um in der Stadt gezielt gegen Terroristen kämpfen zu können. Bis zu 32 von diesen seien bisher getötet worden und ein Zivilist, erklärte Innenminister Selami Altınok am Donnerstag.

Die andere Seite sagt: In Cizre droht ein Massaker. 21 Zivilisten seien schon getötet worden, darunter viele Kinder, erklärt der HDP-Mitarbeiter und Menschenrechtsaktivist Bozo Açar. Er hält sich in der Stadt auf und berichtete ZEIT ONLINE telefonisch: "Wir haben kein Wasser und keinen Strom, auch die meisten Handynetze funktionieren nicht mehr." Die Lebensmittel seien knapp, die Supermärkte leergekauft, die Kinder bekämen Durchfall. "Auf den Straßen türmt sich der Müll." Das Militär lasse Scharfschützen auf Zivilisten schießen, diese hätten deshalb die Straßen mit Bettlaken verhangen, als Sichtschutz. Die Armee versuche auch, mit Panzern in Wohnviertel zu fahren. Aufgehalten werden sie von Barrikaden und ausgehobenen Gräben.

Überall geraten Zivilisten zwischen die Fronten

Fragt man Açar, wer denn genau gegen das Militär kämpft, wer die Gräben aushebt und die Barrikaden baut, sagt er: "Das Volk." Inwieweit PKK-Kämpfer die Eskalation mit den Sicherheitskräften in den Straßen von Cizre suchen und inwieweit sich hier wirklich nur die Zivilbevölkerung verteidigt, ist wie so vieles nicht nachprüfbar. Die Grenze dürfte aber fließend sein in dieser Region, in der die PKK traditionell großen Rückhalt erfährt.

Bewaffnete Gruppen habe er in Cizre nicht gesehen, behauptet Açar auch. Das widerspricht Videoaufnahmen, die die halbstaatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Freitag zeigt. Darauf sind, vom Helikopter der Sicherheitskräfte aus gefilmt, Bewaffnete in den Straßen zu sehen, die Müll anzünden und Barrikaden errichten.

Die Lage in Cizre ist die jüngste und bisher dramatischste Eskalation im sich fast täglich verschärfenden Konflikt zwischen türkischem Staat und PKK, der zunehmend zu einem Konflikt zwischen Türken und Kurden wird. Die PKK hat bei Anschlägen Dutzende türkische Sicherheitskräfte getötet, das Militär wiederum beschießt PKK-Stellungen im Nordirak und greift sie auch auf türkischem Boden an. Überall geraten Zivilisten zwischen die Fronten: Am Freitag wurde mitten in Diyarbakır bei einem Angriff auf eine Gruppe von Polizisten, die vor einem Suppen-Restaurant saßen, ein junger Kellner von Kugeln getroffen und getötet. Auch die HDP wird zum Ziel: Türkische Nationalisten haben in dieser Woche weit über hundert Büros der Partei im gesamten Land angegriffen, teilweise zerstört und mit Brandsätzen attackiert. Die Polizei konnte oder wollte sie nicht überall aufhalten.