Natürlich stimmen die Vorwürfe gegen den ungarischen Premierminister Viktor Orbán: Er will keine Flüchtlinge in seinem Land – möglichst keinen einzigen und schon gar niemanden aus einem muslimischen oder afrikanischen Land. Geradezu gebetsmühlenartig sagt er, diese Menschen passten nicht zu Ungarns Kultur. Deshalb tun Orbán und seine Regierung auch alles, um den Flüchtlingen einen Aufenthalt in Ungarn so ungemütlich und einen Antrag auf Asyl so schwer und kompliziert wie möglich zu machen.

Zugleich steckt aber in Orbáns Kritik an der EU und an der deutschen Flüchtlingspolitik ein wahrer Kern. Denn diese ist voller Widersprüche, Heucheleien und falschen Versprechungen.

Orbán steht außerdem mit seiner Kritik nicht allein. Wie er denken viele mittel- und osteuropäische Regierungs- und Staatschefs. Manche sogar noch radikaler und entschiedener als er. Sie begreifen sich als die Verteidiger eines christlichen und wertkonservativen Europas.

Multikulti, Muslime, die Homo-Ehe sind ihnen nicht nur fremd, sondern auch zuwider. In kultureller, sozialer und religiöser Andersartigkeit sehen sie eine Bedrohung und stemmen sich dagegen. Darin werden sie von der großen Mehrheit ihrer Bevölkerungen unterstützt. Wie in einem Brennglas zeigen sich in der Flüchtlingskrise die unterschiedliche Geschichte, die unterschiedlichen Gesellschaften, Werte, Psychologien und sozialen Entwicklungen der EU-Staaten.

Aber das ist nur die eine Seite. Die andere: Nicht die Osteuropäer, sondern die Westeuropäer haben sich das System von Schengen und Dublin ausgedacht. Jahrelang drängten sie die osteuropäischen Mitglieder, ihre Außengrenzen dicht zu machen und verwehrten, weil sie den Anforderungen nicht genügten, Ländern wie Rumänien oder Bulgarien den Eintritt in den Schengen-Club.

Zurecht bemängeln einige Osteuropäer zweierlei Maß in der EU. Sie beklagen, Deutschland nehme sich heraus, was anderen, kleineren Staaten nicht gestattet wäre. Als sich das Flüchtlingsdrama voll entfaltete, twitterte der inzwischen aus dem Amt geschiedene Bamf-Chef Manfred Schmidt bis in den letzten Winkel der Welt, dass seine Behörde das Dublin-Verfahren für syrische Flüchtlinge einstweilen ausgesetzt habe, sie würden nicht mehr in Länder wie Ungarn zurückgeschickt.

Mehr noch: Angela Merkel signalisierte, Deutschland würde die hohe Zahl an Flüchtlingen schultern und sagte, für Asylsuchende gebe es keine Obergrenze. So menschlich und sympathisch Merkels Reaktion auch ist, darf es nicht wundern, dass sich die Osteuropäer gegen feste Quoten für die Aufnahme von Flüchtlingen mit Händen und Füßen wehren, wenn die Bundesregierung meint, die Zahl der Flüchtlinge ließe sich nicht begrenzen.

Außerdem: So brutal Orbán und Co. auch argumentieren, sie haben nicht völlig unrecht mit ihrer Rüge, dass man deutlicher unterscheiden müsse zwischen jenen Menschen, die Krieg und Verfolgung entflohen sind und unmittelbar Schutz in Europa suchen – und denen, die zuvor bereits außerhalb der Europäischen Union Zuflucht gefunden hatten und jetzt in die Gemeinschaft streben, weil sie sich hier eine bessere Zukunft erhoffen.

Es ist eine äußerst wichtige rechtliche Errungenschaft des vergangenen Jahrhunderts und überdies ein hohes humanitäres Gut, dass Menschen aus Kriegs- und Notstandsgebieten einen Anspruch auf Schutz haben. Aber aus diesem ersten Anspruch folgt nicht zugleich ein zweiter, demzufolge sich Flüchtlinge aussuchen können, wo sie Zuflucht suchen wollen, also wo sie aus ihrer Sicht am ehesten eine Arbeit, eine Ausbildung für ihre Kinder, Nähe und Geborgenheit bei Verwandten finden.

Letzteres ist zwar erstrebenswert, aber kein Recht. Wieweit man den Wünschen entgegenkommt, ist ins Ermessen jedes einzelnen Staates gestellt. Andernfalls würde das allgemeine Recht auf Schutz und die Pflicht, Schutz zu bieten, zerstört.

Das heißt: In erster Linie müssen Flüchtlinge also dort bleiben, wo sie zuerst Schutz finden, also in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer ursprünglichen Heimat. Das heißt aber auch, dass die Nachbarländer nicht mit den Folgen allein gelassen werden dürfen. Kurzum: Die Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft müssen, je nach ihrer wirtschaftlichen Leistungskraft, ihrer Größe und Bevölkerungszahl, dazu verpflichtet werden, die Zufluchtsländer nach einem bestimmten Schlüssel finanziell zu unterstützten. Wer Schutz bietet, muss dafür ausreichend entlohnt werden.

Weiter noch: Zu den Pflichten der Wohlhabenden würde auch zählen, dass sie, wie es etwa Gerald Knaus von der European Stability Initiative (ESI) gerade in einem 9-seitigen Papier entworfen und gefordert hat, den Nachbarländern Syriens, also der Türkei, dem Libanon und Jordanien, Jahr für Jahr eine bestimmte Zahl von Flüchtlingen abnehmen. Für Deutschland wird in dem Bericht die Zahl 500.000 genannt.

Doch zunächst einmal muss sich die Europäische Union selber in Solidarität üben. Das kann aber nur funktionieren, wenn sich alle an die Regeln von Schengen und Dublin halten. Auch Deutschland.