Viktor Orbán ist ein gnadenloser Populist. Das ist bekannt. Überraschend ist es also nicht, wenn er angesichts der massenhaften Migration den gefährlichen Unsinn verbreitet, dass sein Ungarn "das christliche Abendland" verteidige. Ebenso wenig sollte man sich über das menschenunwürdige Chaos wundern, das in Budapest in diesen Tagen zu besichtigen ist. Tausende erschöpfte Flüchtlinge stecken hier fest, und niemand weiß, wie es mit ihnen weitergehen soll. Orbán hat keinen Plan, er hat nur Härte und markige Worte anzubieten. Und er spielt mit dem Schicksal der Flüchtlinge.

Das alles macht ihn freilich auch zum willkommenen Sündenbock. Orbáns dunkles Ungarn nämlich kontrastiert perfekt mit dem hellen Deutschland des "Refugees welcome". Hier die bösen Ungarn, da die guten Deutschen. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Orbán wird heftig dafür kritisiert, dass er einen Grenzzaun bauen lässt – und das aus guten Gründen. Aber wo war der laute Aufschrei, als Bulgarien einen Grenzzaun baute? Und hat Spanien in seiner nordafrikanischen Exklave Ceuta nicht schon vor Jahren einen Zaun hochgezogen und ihn Jahr für Jahr ausgebaut? Hat Europa im Mittelmeer nicht eine unsichtbare Mauer errichtet? Geschah das nicht mit ausdrücklicher Zustimmung aller europäischen Regierungen?

Die Klage Orbáns ist auch die Italiens und Griechenlands

Nein, Orbán ist keine Ausnahme. Singulär an ihm ist sein rücksichtsloser Populismus, sein Wille, auch noch das Elend der Flüchtlinge für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Nimmt man Orbáns Hässlichkeiten für einen Moment aus dem Blick, lässt sich schnell erkennen, dass Ungarn ein Problem hat, das es sich mit Italien und Spanien teilt. In diesen Ländern verlaufen die südlichen Außengrenzen des EU-Schengenraums. Deswegen ist der Migrationsdruck hier so groß.

Ungarn ist bisher nur das letzte Land, das dies zu spüren bekommt. Alle italienischen Regierungen seit Ende der neunziger Jahre haben zu Recht laut darüber geklagt, dass sie von der EU allein gelassen würden und nicht genügend Unterstützung bekämen. Das ist jetzt auch die Klage Orbáns.

Es ist zu einfach und bequem, sich an ihm abzuarbeiten. Und es hilft nicht weiter. Ungarn ist überfordert, weil es keine gemeinsame Asylpolitik der EU gibt. Orbáns Populismus verschärft die Lage, aber er ist nicht die Ursache des Problems.

Das mächtige Deutschland hat geglaubt, es könne die Migration den Ländern an den Schengen-Grenzen überlassen. Das ist der Kern des sogenannten Dublin-Systems, wonach Asylsuchende ihren Antrag in dem Land des Schengenraums stellen müssen, in dem sie zuerst ankommen. Dieses System ist zusammengebrochen.

Die Wahrheit ist: Die EU hat das Thema Migration völlig unterschätzt. Brüssel, Berlin, Paris – tutti quanti.

Flüchtlinge verweigern das Verlassen ihres Zuges in Ungarn