Eine Frau in Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad © Fayez Nureldine/AFP/Getty Images

Für die Heimat des Propheten Mohammed ist es eine Premiere, für Jamal al-Saadi ein persönlicher Triumph. In aller Frühe erschien die Lehrerin kürzlich in traditioneller schwarzer Abaja auf dem Meldeamt von Mekka, wo man sie als erste Frau in ganz Saudi-Arabien für die Kommunalwahlen am 12. Dezember 2015 registrierte.

Vier Wochen lang, noch bis Mitte September, können sich die weiblichen Untertanen des Königshauses in Listen eintragen lassen – als Kandidatinnen und als Wählerinnen. Möglich macht dies ein Dekret des im Januar verstorbenen Monarchen Abdullah. Es stammt aus dem Jahr 2011, wurde aber von seinem Nachfolger Salman nicht rückgängig gemacht. Und so könnten, anders als bei den vorangegangenen Wahlen, die 284 neuen Kommunalparlamente bunter, lebendiger und demokratischer ausfallen. 

Der König ernennt nicht mehr die Hälfte, sondern nur ein Drittel aller Deputierten selbst. Das bedeutet, dass die wirklich Gewählten künftig eine eigene Mehrheit bekommen. Richtig mächtig werden die kommunalen Mandatsträger aber sowieso nicht sein: Die Hoheit über die städtischen Budgets liegt in der Hauptstadt Riad.

"Wichtiger Schritt zur Mäßigung unserer Gesellschaft"

Saudi-Arabien hat bei Frauenrechten nach wie vor enormen Nachholbedarf. Auf dem Gender Gap Index des Genfer Weltwirtschaftsforums, der Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter bewertet, rangierte Riad 2014 unter den Schlusslichtern auf Rang 130 von 142. Die Benachteiligung der Frauen ist flächendeckend, ihre Abhängigkeit von den Männern lückenlos. Frauen dürfen nicht Auto fahren. Ohne schriftliche Zustimmung eines männlichen Vormunds, egal ob Ehemann, Bruder oder Onkel, dürfen sie nicht reisen, arbeiten, zum Arzt gehen, ihren Pass erneuern oder ein Bankkonto eröffnen. Die weibliche Beschäftigungsquote liegt unter 20 Prozent, das ist weltweiter Negativrekord. Bei der Heirat gibt es kein gesetzliches Mindestalter, eine 13-Jährige kann zur Hochzeit mit einem 50-jährigen Mann gezwungen werden, was auf der Arabischen Halbinsel nicht selten passiert. Und das erste und einzige weibliche Kabinettsmitglied, Vize-Erziehungsministerin Norah al-Fayez, wurde vom neuen König Salman auf Druck konservativer Kreise entlassen, weil sie sich für Sportunterricht an Mädchenschulen eingesetzt hat.

Gerade junge Frauen jedoch pochen immer selbstbewusster auf ein Ende ihrer Diskriminierung im Namen der Scharia. Zehntausende haben mit staatlichen Stipendien im Ausland studiert und andere Welten kennengelernt. Sie sind hoch qualifiziert und mit neuen Ideen zurückgekommen. Zu Hause aber müssen sie sich wieder behandeln lassen wie kleine Kinder.

Trotzdem stellt sich bei den Frauen in Bezug auf das Wahlrecht nicht gerade Euphorie ein. Zur Halbzeit der Registrierungsphase verzeichneten abgelegene Provinzen im Süden erst ein Dutzend Meldungen, weil die meisten Wählerinnen nichts von ihren neuen Rechten wissen, niemand sie zum Amt fahren kann oder sie keinen eigenen Personalausweis besitzen. Selbst in der relativ aufgeklärten Hafenstadt Dschidda blieb der Ansturm bisher aus. Landesweit stagniert die Quote momentan bei etwa fünf Prozent.

Nur 70 Frauen aus der 28-Millionen-Nation planen nach der Zeitung Arab News, als Kandidatinnen anzutreten. Bei den Männern dagegen wollen mehr als 5.000 um die 2.100 Mandate konkurrieren. Porträtfotos auf Wahlplakaten sind verboten. Rund ein Drittel aller 1.263 Wahllokale sind für Frauen reserviert, da in dem puritanischen Gottesstaat beide Geschlechter nicht zusammen an den Urnen anstehen dürfen. Und trotzdem machen konservative Kleriker und ihre Anhänger dieser Tage auf Twitter gegen den neuen Trend mobil. "Ich wähle nur eine Frau, wenn sie Muffins für alle im Viertel backt", höhnte einer der Gegner. Aktivistinnen wie Nouf al-Sadiq, die lange für das Frauenwahlrecht gestritten haben, lassen sich davon nicht irritieren. "Das ist ein wichtiger Schritt zur besseren Beteiligung von Frauen am öffentlichen Leben – und zur inneren Mäßigung unserer Gesellschaft."