Regionalpräsident Artur Mas lässt sich für das Wahlergebnis feiern. © David Ramos/Getty Images

Sie haben wirklich Ernst gemacht: Bei einer ebenso abenteuerlichen wie einzigartigen Regionalwahl haben die Katalanen den Unabhängigkeitsbefürwortern zur Mehrheit der Sitze im Parlament verholfen. Sie können nun also regieren.

Wegen Ungerechtigkeiten im Wahlrecht aber ist auch eine andere Zahl wichtig, und die zeigt ein weniger eindeutiges Bild: Die nach Unabhängigkeit strebenden Parteien kamen nur auf 48 Prozent der abgegebenen Stimmen, sie haben also weniger als die Hälfte der 5,5 Millionen Wahlberechtigten in der Region um Barcelona hinter sich gebracht. Ein Ergebnis, das vor allem die Unabhängigkeitsgegner am Sonntag betonten.

In der Frage über seine Zukunft zeigt sich die Autonome Gemeinschaft im Nordosten also gespalten wie noch nie. Die Separatisten verweisen auf die hohe Wahlbeteiligung von fast 77 Prozent, die ihnen ein Mandat gebe: Sie haben angekündigt im Falle eines Wahlsiegs binnen 18 Monaten mit der Zentralregierung in Madrid über eine Abspaltung zu verhandeln. Gleichzeitig werde ein verfassungsgebender Prozess eingeleitet.

Das politische Signal, das hinter diesem Urnengang steckt, wird der konservative Regierungschef Mariano Rajoy, der sich im Dezember nationalen Wahlen stellen muss, kaum ignorieren können. Bisher war er jeglichen Bestrebungen nach mehr Autonomie mit einem kategorischen Nein entgegengetreten, notfalls mithilfe von Urteilen des höchsten spanischen Gerichts. Tatsächlich sind jegliche Vorbereitungen einer wie auch immer gearteten Unabhängigkeit nach nationalem Recht illegal.

In ihrer Kampagne hatten die Separatisten trotzdem geschickt an die katalanische Identität der Bevölkerung appelliert, die angeblich demokratischer und fleißiger als die in Madrid oder anderswo in Spanien sei. Vermischt wurden diese nationalistischen Emotionen mit dem Ärger über die verkrustete Politik in der Hauptstadt, mit Folgen der Krise und Wünschen nach mehr finanzieller Autonomie. 

Instabiles Separatistenbündnis

Das Bündnis Junts pel Sí (Gemeinsam für das Ja) ist für eine Mehrheit im Parlament allerdings auf die Unterstützung der weit links stehenden Partei CUP (Kandidatur der Volkspartei) angewiesen. Beide verbindet nichts, außer der grundsätzliche Wunsch nach Unabhängigkeit. Keine gute Voraussetzung für stabiles Regieren. Schon am Abend rief der CUP-Anführer die Katalanen dazu auf, "ungerechte" Gesetze aus Madrid ab sofort zu ignorieren. Etwas, das die gerne seriös auftretende Links-Rechts-Formation Junts pel Sí um den amtierenden Regionalpräsidenten Artur Mas bisher von sich gewiesen hat.

Diese Ungereimtheiten fochten die vielen Wähler der Unabhängigkeitsparteien nicht an. Im schlimmsten Fall bleibe alles beim Alten, war in den vergangenen Tagen auf den Straßen Barcelonas zu hören. Im besseren Fall verbessere sich die Verhandlungsposition Kataloniens in der Frage des Länderfinanzausgleichs. Und im besten Fall werde Katalonien ein unabhängiger Staat, der selbst seinen Wohlstand verwalten könne, der aufgrund seiner Wirtschaftsstärke sicherlich bald von der EU anerkannt würde.

Die, die so argumentieren, verdrängen, dass internationale Politiker wie Angela Merkel und Barack Obama den katalanischen Unabhängigkeitswünschen bereits eine Absage erteilt haben – auch weil sie einen Dominoeffekt in Norditalien, Belgien oder anderen europäischen Regionen fürchten. Kaum auszudenken, wenn künftig jede (reichere) Region in Krisenzeiten ihre Selbstständigkeit einfordern würde. Historisch unterschiedliche Wurzeln, eine "eigene Kultur", wie es die Katalanen nennen, könnte man wohl auch in vielen anderen europäischen Regionen finden.