Blockierter Zugang zur Krim: Lkw-Schlange am Checkpoint Kalantschak © Genya Savilov/AFP/Getty Images

Die Schlange reicht bis zum Horizont. Auf der E97 reiht sich Lkw an Lkw. Die Straße führt vom ukrainischen Festland auf die Krim. Doch am ukrainischen Checkpoint in Kalantschak kommen die Lastwagen nicht mehr weiter. Die meisten Fahrer warten geduldig im Schatten ihrer Fahrzeuge. Sie müssen zuschauen, wie Privatfahrzeuge und Fußgänger ungehindert passieren können. Hin und wieder gibt einer auf und versucht, auf der schmalen Straße zu wenden. Obwohl die Trucker die Leidtragenden sind, diskutieren nur wenige mit den tatarischen Aktivisten, einige äußern Verständnis.

Vor Ort im ukrainischen Oblast Cherson hat die Blockade viele Unterstützer – nicht nur unter geflohenen Krimtataren. Kämpfer der Freiwilligenbataillone unterstützen sie, und auch die Befehlshaber der lokalen Armeeeinheiten lassen sie gewähren. Am Checkpoint Tschongar solidarisierte sich Alexander Worobjow, Sprecher der Gebietsverwaltung, mit der Blockade. Und auch mehrere Abgeordnete des ukrainischen Parlaments besuchten die Übergänge, darunter auch Semen Sementschenko, Gründer und Kommandeur des Bataillon Donbass, und der bekannte Maidan-Aktivist Wolodimir Parasjuk.

In der Ukraine sollen am 25. Oktober Kommunalwahlen stattfinden. Da macht es sich für die Politiker gut, öffentlichkeitswirksam Solidarität mit den Krimtataren zu zeigen. Deren Protest richtet sich in erster Linie gegen Russland – aber auch gegen die Regierung in Kiew. Diese habe die Krim quasi aufgegeben, so die Klage. Die Regierung äußerte zwar Verständnis für den Protest, mahnte jedoch an, die Gesetze müssten eingehalten werden. Allerdings setzt sie das nicht durch.

Tausende Tonnen Waren kommen nicht an

Am Sonntag hatten Aktivisten der Krimtataren damit begonnen, die Checkpoints zur Krim zu blockieren. Damit wollen sie gegen Menschenrechtsverletzungen auf der Krim protestieren, die sich laut der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) seit der Annexion durch Russland häufen. Außerdem soll die Blockade die Kosten der Annexion für Russland erhöhen, weil Ersatz nur auf dem Luftweg oder per Schiff auf die Halbinsel gebracht werden kann.

Seit Montag zeigt die Maßnahme offenbar Wirkung: Kein Lastwagen kommt mehr auf die Krim. An den drei Checkpoints in Kalantschak, Tschaplinka und Tschongar stauen sie sich seitdem zu Hunderten. Es geht um Tausende Tonnen Waren, vor allem Lebensmittel, die in der Ukraine billiger sind als in Russland.

Begonnen hatte die Blockade am östlichen Übergang in Tschongar. Das hatte sich unter den Truckern offenbar herumgesprochen. Am Montag fuhr dort nur ein einziger Lkw vor, der Kartoffeln auf die Krim liefern sollte. Die teilweise bewaffneten und vermummten Männer und Frauen stoppten den Wagen. Der Fahrer telefonierte mit dem Auftraggeber. Statt wieder umzukehren, spendete die Firma die Kartoffeln für die Freiwilligen.

In der sengenden Sonne haben von der Krim geflohene Tataren in Tschongar inzwischen ein kleines Camp aufgebaut. Tische, Bänke, ein Zelt für Besprechungen und zwei Dixie-Toiletten stehen in der Gras-Steppe auf einer Landzunge. Betonklötze sind auf der Straße so aufgebaut, dass die langen Lastwagen nur im Schneckentempo fahren können. An der Blockade beteiligen sich auch Mitglieder des rechtsextremistischen Rechten Sektors und des Freiwilligenbataillon Donbass.

Blockade ist nach ukrainischem Recht illegal

In Tschongar präsent ist auch der Chef der krimtatarischen Selbstverwaltung Refat Tschubarow. Wegen angeblich extremistischer Aktivitäten verweigern ihm die russsischen Behörden seit mehr als einem Jahr die Rückkehr auf die Krim – er ist ein Gegner der russischen Besatzung, wie die meisten Krimtataren. Es sei nicht zu verstehen, dass die Ukraine mit Lebensmittellieferungen die Besatzung der Krim erleichtere, so der 58-Jährige. Der ukrainische Staat hätte die Lieferungen von sich aus untersagen sollen. Das sei eine Forderung seiner Organisation seit der Annexion im März 2014. Nun habe man sich entschieden, selbst aktiv zu werden.

Statt wie anfangs in Tschongar stauen sich die Lastwagen nun an den anderen beiden Checkpoints. Doch auch dort ist kein Durchkommen. Dabei ist die Aktion nach ukrainischem Recht illegal. Formal sind Lieferungen auf die besetzte Krim nämlich erlaubt. Und die ukrainischen Behörden kassieren auch weiterhin von den Truckern die Gebühren für die Ausfuhrpapiere, obwohl sie wissen, dass die Lieferungen nicht ankommen. Die Ukraine, die die Annexion nicht anerkennt, hatte ihrerseits im September 2014 eine "freie Wirtschaftszone" auf der Krim ausgerufen, damit ukrainische Unternehmen bei Exporten keine Steuern zahlen müssen und somit dort besser mit russischen Firmen konkurrieren können. Tatsächlich waren ukrainische Lebensmittel auch wegen der kürzeren Transportwege preiswerter.

Angesichts der Kämpfe im Osten der Ukraine hatte Aufmerksamkeit für die Besetzung der Krim nachgelassen. Auch das will Tschubarow ändern. Mehrfach seien Gegner der völkerrechtswidrigen Annexion auf der Halbinsel tot aufgefunden worden, sagt er. Die muslimische Minderheit leide unter Rassismus. Man könne dort nicht frei leben. Dass die Blockade die Versorgung der Bevölkerung auf der Krim gefährdet, glaubt auch Tschubarow nicht. Aber man müsse es dem Aggressor ja nicht noch bequem machen.