Die Taliban haben die nordafghanische Stadt Kundus vollständig erobert. Dies bestätigte ein Sprecher des afghanischen Innenministeriums. "Verstärkung ist eingetroffen. Wir versuchen, die Stadt zurückzuerobern", hieß es. Der Flughafen sei noch unter Kontrolle der Regierung. Dort werde derzeit eine Gegenoffensive vorbereitet.

Zuvor war bekannt geworden, dass die Islamisten nach Gefechten mit Regierungstruppen immer größere Teile der Stadt kontrollieren. So hatten Augenzeugen berichtet, dass die Talibankämpfer an einem zentralen Platz ihre Flagge gehisst hätten. Provinzratsmitglied Aminullah Ajuddin sagte, die Islamisten hätten das Provinzgefängnis in ihre Gewalt gebracht und Hunderte Gefangene befreit. "Ihnen allen wurde erlaubt, nach Hause zu gehen. Alle früheren Talibankämpfer im Gefängnis schlossen sich dem Kampf gegen die Sicherheitskräfte an."

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte am Nachmittag, die afghanischen Sicherheitskräfte seien weiterhin "grundsätzlich in der Lage, den Taliban entgegenzutreten". Bislang sei es ihnen auch gelungen, die Großstädte des Landes unter ihrer Kontrolle zu halten. Zu der aktuellen Situation in Kundus lägen der Bundesregierung noch keine weiteren Erkenntnisse vor. Das Auswärtige Amt beobachte die Lage jedoch mit großer Aufmerksamkeit.

Erst vor zwei Jahren war die Bundeswehr aus Kundus abgezogen, seitdem sollen afghanische Regierungstruppen das Gebiet gegen die Taliban sichern. Die Eroberung ist die größte Einnahme eines Stadtgebiets seit dem Einmarsch der USA 2001 und gilt als großer Rückschlag für die afghanischen Sicherheitskräfte.

Die Bundesregierung betrieb seit 2003 ein Feldlager in Kundus. Nach dem Abzug der Bundeswehr hat die Gewalt in Afghanistan wieder zugenommen. Auch die Zahl der nach Deutschland flüchtenden Afghanen ist gestiegen.