Die jemenitische Hauptstadt Sanaa nach den saudischen Luftangriffen © Mohamed Al-Sayaghi/Reuters

"Unsere Rache wird nicht lange auf sich warten lassen", polterte Abu Dhabis Kronprinz Mohammed bin Zayed al-Nahyan. "Wir werden so lange weiterbomben, bis der Jemen von diesem Abschaum gesäubert ist." Gemeint waren die schiitischen Huthis, die Anfang September bei einem Angriff auf ein Armeelager der Golfstaaten 52 aus den Emiraten, zehn saudische und fünf bahrainische Soldaten getötet hatten. Für die Militärkoalition der Golfstaaten, die die nordjemenitischen Stammeskämpfer als "fünfte Kolonne" des Irans betrachtet, waren es die schwersten Verluste seit Beginn des Krieges im März.

Seit sechs Monaten zerstören Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate mit ihren modernen US-Kampfjets das Armenhaus der arabischen Welt. Ganze Teile der Hauptstadt Sanaa liegen in Trümmern, mehr als 1,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Nahezu 5.000 Menschen wurden von Raketen und Bomben zerfetzt, 23.000 verletzt. Kriegsziel der Golf-Koalition ist, den von den Huthis im März vertriebenen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi wieder zurück an die Macht zu bringen. Der 70-Jährige kehrte am Dienstag mit einer Militärmaschine aus seinem saudischen Exil in die Hafenstadt Aden zurück. Von dort will er nächste Woche zur UN-Vollversammlung nach New York reisen.

Seit den großen Verlusten der Golf-Truppen liegen bei den ölreichen Kriegsherren der Operation Decisive Storm, die zusammen der größte Waffeneinkäufer der Welt sind, die Nerven blank. Als Reaktion soll innerhalb der nächsten Wochen die Hauptstadt Sanaa eingenommen werden. Die ersten tausend saudischen Elitesoldaten wurden bereits in die nördliche Nachbarprovinz Ma'rib verlegt. Katar sagte weitere tausend Soldaten zu, ebenso der Sudan. Ägypten dagegen dementierte eine Beteiligung, nachdem es zunächst geheißen hatte, das Land schicke 800 Soldaten. Militärbeobachter schätzen, dass inzwischen eine stark bewaffnete Streitmacht von mindestens 5.000 Soldaten in dem kargen Aufmarschgebiet auf den Angriffsbefehl wartet.

"Das Leid ist unbeschreiblich"

Und so entwickelt sich das Kriegsgeschehen für das jemenitische Volk immer mehr zu einer nationalen Katastrophe. Allein Sanaa erlebte bisher über 2.000 Luftangriffe, die beiden nächstgrößten Städte Aden und Tais sind Ruinenlandschaften. Kasernen und Brücken, Wohnviertel und Schulen, Präsidentenpalast und Ministerien, Lebensmittelfabriken und Märkte, ja selbst mehrere Häuser der Weltkulturerbe-Altstadt wurden zerstört. 80 Prozent der 24 Millionen Jemeniten haben nicht mehr genug zu essen, weil nahezu alle Lebensmittel importiert werden müssen.

"Das Ausmaß des menschlichen Leidens ist unbeschreiblich", sagte der UN-Chef für humanitäre Hilfe, Stephen O'Brien. In Krankenhäusern lägen die Verletzten auf Bodenpappen, alle Blutkonserven seien aufgebraucht, selbst sterile Gummihandschuhe für Untersuchungen gebe es nicht mehr. Denn sämtliche Häfen des Jemens werden von Kriegsschiffen blockiert, der wichtigste in Al-Hudaida ist zerstört – ein Angriff, den O'Brien empört als "Verstoß gegen das internationale Menschenrecht" verurteilte.

"Nach fünf Monaten Krieg sieht der Jemen bereits aus wie Syrien nach fünf Jahren Krieg", sagte kürzlich Peter Maurer, Chef des Internationalen Roten Kreuzes nach einem Besuch vor Ort. Denn die Infrastruktur des Landes war schon vorher stark ramponiert. Mittlerweile geht gar nichts mehr. In Sanaa gibt es alle paar Tage eine Stunde Strom, kein fließend Wasser, Benzin kostet fünf Dollar der Liter.

Viele der zwei Millionen Einwohner sind völlig übernächtigt und mit ihren Nerven am Ende. Wer kann, flieht aufs Land oder in die umliegenden Berge. "Hier ist nichts mehr sicher", sagt einer der Verzweifelten. "Unsere Wohnviertel werden rund um die Uhr bombardiert."