Wladimir Putin scheint es darauf anzulegen, Russland zur regelrechten Kriegspartei in Syrien zu machen – mit verstärkten Waffenlieferungen und Ausbildern für das stark bedrängte Regime von Baschar al-Assad. Die Vereinigten Staaten protestieren dagegen, und auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat Moskau aufgefordert, die Chance zu einer Konfliktlösung nicht durch Aufrüstung zu verspielen. Doch in Moskau sieht man das anders. Gerade jetzt bietet sich aus russischer Sicht die Gelegenheit, dem alten Verbündeten Assad zu helfen und damit dem Krieg eine entscheidende Wende zu geben. Das wird Syrien jedoch noch tiefer ins Chaos stürzen.

Was Russland genau liefert, verschweigt der Kreml, dafür sprechen unabhängige russische Medien und syrische Oppositionelle. Gesichtet wurden in den letzten Tagen Drohnen des Typs Ptschela 1-T, der hochmoderne Schützenpanzer BTR 82-A, über den die russische Armee erst seit 2013 verfügt, und Kampfflugzeuge. Auf Videoaufnahmen sind Stimmen russischer Soldaten in Syrien zu hören. Die USA behaupten, russische Militärs bauten Wohneinheiten in der Nähe der syrischen Küste und Transportflugzeuge würden fortlaufend weiteres Material nach Syrien bringen.

Für den Kreml sind die westlichen Warnungen "Hysterie". Man wisse doch, dass Moskau seit Jahren die "legitime Regierung Syriens" unterstütze. Doch auch unabhängige russische Beobachter sehen eine Wende in der Syrien-Politik Putins. Der Journalist und Sicherheitsexperte Alexander Goltz sagt, der "Kreml riskiert, Russland in noch einen weiteren zermürbenden Konflikt zu ziehen". Zusätzlich zum Krieg in der Ukraine. 

Der russische Präsident hat seine eigene Kalkulation. Er sieht nach dem Atomabkommen mit dem Iran die Position der Iraner und Russen in Syrien gestärkt. Beide Länder stehen gegen die unabhängigen syrischen Oppositionellen, gegen die IS-Kämpfer und andere Dschihadisten, bisweilen auch gegen die Kurden – und mit aller Kraft für den syrischen Diktator Assad. Nun sieht Putin die Chance, eine alte Idee wiederzubeleben: den "Anti-Terror-Krieg". Schon nach dem 11. September 2001 bot Putin dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush an, in einer Allianz islamische Dschihadisten weltweit zu bekämpfen. Bush ging bekanntlich seine eigenen, fatal falschen Wege. In drei Wochen will Putin vor der UN-Vollversammlung eine neue Anti-Terror-Allianz vorschlagen, die in Syrien vor allem die IS-Kämpfer treffen soll. Putin versucht seit Wochen, die USA, Jordanien, Ägypten, die Türkei und Saudi-Arabien für seine Idee zu gewinnen.

Die ist im Grunde nicht falsch. Natürlich wäre es sinnvoll, wenn die Groß- und Regionalmächte endlich gemeinsam und abgestimmt gegen die IS-Terrorschwadrone kämpfen würden. Aber nicht so, wie Putin es vorhat: mit Assad und mit russischen Truppen aufseiten der Regimemilizen. Assad ist – IS-Terror hin oder her – der Hauptverursacher des syrischen Krieges. Er hat das syrische Volk mit Artilleriebeschuss, Fassbomben, Flächenbombardement und Giftgas so terrorisiert, dass jetzt Millionen Syrer auf der Flucht sind. Er hat durch den jahrelangen Krieg gegen sein Volk die IS-Dschihadisten überhaupt erst ins Land geholt. Wer meint, man könne mit Assad den IS langfristig effektiv bekämpfen, der hat entweder keinen Schimmer von Syrien – oder eben andere Motive.

Für Wladimir Putin ist Syrien ein ideales strategisches Manövrierfeld, auf dem er mehrere Ziele erreichen kann. Er kann sich dort als Gleichgesinnter der Iraner zeigen, damit Teheran nach dem Atom-Deal nicht gen Westen abdriftet. Er kann auf der Weltbühne als der Ideengeber einer neuen Anti-Terror-Allianz auftreten. Er kann die russische strategische Bedeutung steigern, inklusive einer permanenten militärischen Präsenz aller drei Teilstreitkräfte am Mittelmeer. Er kann, wenn nötig, mithelfen, den syrischen Krieg noch viele Jahre am Brennen zu halten. Die Folgen – in Form von Flüchtlingen und Destabilisierung – hat derzeit nicht Russland zu tragen, sondern der Nahe Osten und Europa.

Und dass die EU sich künftig mehr auf Millionen von Flüchtlingen konzentriert als auf die Ukraine, ist vielleicht für Putin ein nicht unwillkommener Nebeneffekt.