Nach einem Fassbomben-Angriff im nordsyrischen Aleppo © Karam al-Masri/AFP/Getty Images

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Diese blutjungen Gesichter. Es sind die Gesichter von Jungs, 16 Jahre alt, manchmal nur 15, milchglatt, auf denen noch kein Barthaar wächst. Ich sehe sie in den Videos aus dem Bürgerkrieg in Syrien. Sie tragen Uniformen, halten Gewehre, verteidigen verbissen, stürmen voran oder liegen mit zerfetzten Gliedern tot im Staub. Bartlose Jungs auf beiden Seiten der Front. Der Krieg, der in seinem fünften Jahr steht, bekommt ein immer jüngeres Gesicht. Die Verlustraten auf beiden Seiten sind so enorm, dass immer mehr Kinder und Jugendliche die Lücken schließen müssen. "Weißbluten" nannte man diesen Aderlass im Ersten Weltkrieg.

In diesen Tagen, in denen Hunderttausende Syrer zu uns nach Deutschland und Österreich kommen, hören wir nur noch wenige Nachrichten aus Syrien selbst. Das hat viele Gründe. Die Medien waren in den vergangenen Monaten vor allem mit der Eurokrise und Griechenland beschäftigt. Da blieb wenig Raum für andere Themen. Zudem können wir Journalisten nicht mehr ins Land. Die Entführungsgefahr auf Rebellenseite ist zu groß, und das Assad-Regime vergibt nur wenige Pressevisa. Jordanien hält die Grenze für ausländische Reporter schon immer geschlossen, weil das dortige Militär sich bei der Unterstützung der syrischen Opposition keine Beobachter wünscht. Vor wenigen Monaten hat nun auch die Türkei ihre Grenze für Reporter dichtgemacht. Vermutlich aus ähnlichen Motiven. Die einzige Kriegspartei, die Reporter freundlich aufnimmt, sind Kurden und Jesiden. Einer der Gründe, warum so viel in deutschen Medien über die Kurden in Syrien berichtet wird. Aber der Krieg der Kurden – ohne ihr Leid schmälern zu wollen – ist im Gesamtbild ein Nebenkriegsschauplatz. Nie zuvor in den vergangenen Jahrzehnten hatten die Medien zu einem Konflikt dieser Bedeutung so wenig Zugang.

So müssen wir uns bescheiden mit den Beobachtungen Dritter. Und so erreicht uns das Leid der Syrer erst am Münchner Hauptbahnhof.

Dieser Krieg sprengt alle Grenzen auf

Hunderttausende sind über das Meer und die Balkonroute zu uns gekommen. Der Innenminister Thomas de Maizière, der immer noch im Amt ist, obwohl Tausende aufgrund seiner Fehlentscheidungen im Mittelmeer ertrunken sind, lässt nun die Grenzen schließen. Deutschland sei überfordert, sagt er. Es könnten nicht alle kommen. Man müsse stattdessen die Fluchtursachen bekämpfen. Gleichzeitig geben die UN bekannt, dass eine Million Syrer zusätzlich ihr Land verlassen werden, wenn nicht bis Jahresende das Morden dort beendet sei. Der Krieg dort hat eine zu große Sprengkraft, als dass sich Europa und Deutschland dagegen abschotten könnten. Dieser Krieg sprengt alle Grenzen auf.

Das Ausbluten Syriens hat viele Ursachen, die nicht in Europa oder den USA liegen. Aber: Europa und die USA hätten dieses Ausbluten stoppen können. Sie hätten es stoppen können, als das Regime Assad die ersten Helikopter einsetzte, um wahllos in die Städte und Dörfer zu schießen. Sie hätten es stoppen können, als Assad begann, seine Kampfjets gegen die Zivilbevölkerung einzusetzen. Der Westen hätte das Ausbluten stoppen können, als das Regime Scud-Raketen einsetzte, Giftgas und die Fassbomben. Wenn jetzt der deutsche Innenminister davon spricht, die Grenzen dichtmachen und die Fluchtursachen bekämpfen zu wollen – weiß er, wovon er redet?

In Deutschland gibt es viele Vorurteile gegenüber Flüchtlingen. Unsere Kartengeschichte klärt, welche Annahmen stimmen und welche nicht:

Flüchtlinge

Faktencheck: Flüchtlinge

"Besorgte Bürger" versuchen, mit Vorurteilen Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. Ein Faktencheck

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Vorurteil #1

"Europa trägt die Hauptlast"

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Vorurteil #2

"Deutschland nimmt schon viel mehr Flüchtlinge auf als andere Länder"

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Er redet von etwas, das die Bundesregierung unter Merkel seit Jahren strikt ablehnt. Der einzigen Möglichkeit, Syrer in Syrien zu halten und die Stadtverwaltung München von ihrer Überbeanspruchung durch Kriegsfolgen zu entlasten: dem Aufbau einer Flugverbotszone.

Wovor fliehen die Menschen nach Europa? Die wenigsten fliehen vor den Kämpfen. Die so unüberschaubar sind. Die meisten fliehen vor den Luftangriffen. Deren Ursache ist sehr überschaubar: Die meisten fliehen vor den Bomberflotten des Regimes Assad.

Die Menschen in der Hälfte Syriens, die nicht mehr von Assad kontrolliert wird, haben es schon immer gefordert. Aber der Westen wusste es besser. Der Westen, die Außenminister Westerwelle und Steinmeier, sie alle sagten: Eine Flugverbotszone macht es nur schlimmer. Wir können die Kampfjets Assads nicht vom Himmel holen, weil sonst der Konflikt ein Flächenbrand wird. Damit unterlagen sie einem der schlimmsten Irrtümer deutscher Außenpolitik.