Aus dem friedlichen Aufstand gegen das syrische Regime im Jahr 2011 ist die größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit geworden. Im fünften Jahr des Krieges sind fast vier Millionen Syrerinnen und Syrer aus ihrem Heimatland geflohen, die allermeisten in die angrenzenden Länder Türkei, Libanon und Jordanien. Von den 15 Millionen Menschen im Land selbst ist die Hälfte auf der Flucht. Mehr als 220.000 Menschen sind bereits getötet worden. 

Und die internationale Gemeinschaft übt sich im Erstarren: Im Januar 2014 wurde die offizielle Zählung der Bürgerkriegstoten durch die Vereinten Nationen eingestellt, vier Monate später trat der UN-Sondergesandte Lakhdar Brahimi aufgrund mangelnder Unterstützung von seinem Amt zurück. Dies sind Akte der Verzweiflung und Resignation zugleich – so ist Syrien zum verlassensten Land der Gegenwart geworden, und die internationale Gemeinschaft macht sich mitschuldig.

Die Diskussion über eine Flugverbotszone in Syrien ist nicht neu, gleichzeitig könnte sie aktueller nicht sein: Jede Woche werden bei Angriffen der syrischen Luftwaffe Menschen getötet.

Der jüngste türkisch-amerikanische Vorstoß hingegen ist lediglich ein Feigenblatt: Er zielt nicht primär auf den Schutz der syrischen Bevölkerung und die Errichtung eines humanitären Korridors. Stattdessen folgt er auf türkischer Seite innenpolitischen Mustern, um sich der syrischen Flüchtlinge zu entledigen und als Mittel im Konflikt mit den Kurden, auf amerikanischer Seite strategischen Gründen bei der Bekämpfung des "Islamischen Staats" – entsprechend dürftig ist auch der Umfang dieser Zone, die gerade einmal 100 Kilometer lang und 65 Kilometer breit sein soll. Auch Stimmen, die behaupten, ein Eingreifen in Syrien sei nötig, um den steigenden Flüchtlingszahlen in Deutschland zu begegnen, verfehlen den Kern des Problems: Deutschland muss nicht vor den Flüchtlingen aus Syrien geschützt werden, sondern die Syrerinnen und Syrer vor der Gewalt Assads!

Die Einrichtung einer Schutz- und Flugverbotszone in Syrien ist längst überfällig. Sie ist nicht nur kurzfristig wichtig, um die syrische Bevölkerung zu schützen und eine humanitäre Versorgung zu ermöglichen, sondern auch mittelfristig, um zu einer Beendigung des Bürgerkrieges beizutragen.

Die Unübersichtlichkeit der Konfliktparteien und der Flickenteppich an Gebieten, die von unterschiedlichen Bürgerkriegsakteuren kontrolliert werden, lassen Syrien in den Augen vieler nur noch als hoffnungslosen Fall erscheinen. Dabei ist eindeutig, dass der Großteil der humanitären Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen von der Assad-Regierung ausgeht. Der Abwurf von Fassbomben über bewohnten Gebieten durch die Luftwaffe, der Einsatz chemischer Waffen und das systematische Aushungern ganzer Ortschaften sind Gewaltakte, die von der internationalen Gemeinschaft nicht hingenommen werden dürfen.

Doch zugleich ist eben jene Regierung durch die Fokussierung auf den selbst ernannten "Islamischen Staat" bei den westlichen Ländern wieder salonfähig geworden: Das Bedrohungsszenario dieser fundamental-islamistischen Terrororganisation mit ihren menschenverachtenden Gewaltmethoden wird längst nicht mehr nur als ideologische Bedrohung der liberal-westlichen Lebensweise verstanden, sondern spätestens seit Charlie Hebdo auch als unmittelbare Gefahr für die eigene Bevölkerung. Diese Verschiebung der Konfliktanalyse sowie die Verflechtung des Bürgerkrieges in Syrien mit dem Konfliktgemenge im Irak führen zu einer Reduzierung auf den Kampf gegen den Terrorismus, bei der die Verbrechen der Assad-Regierung in Vergessenheit geraten und die syrische Bevölkerung auf der Strecke bleibt.

So ist es kaum verwunderlich, dass sich die Syrerinnen und Syrer, die sich gegen Assad erhoben haben, vom Westen verraten fühlen und enttäuscht abwenden, sich mitunter auch fundamental-islamistischen Gruppen anschließen. Hier zeigt sich die ganze Verzweiflung: Menschen, die zunächst gegen die Diktatur Assads und für demokratischen Fortschritt in den Kampf zogen, setzen ihre Hoffnung nun auf Al-Nusra oder den "Islamischen Staat", da alles besser erscheint als ein Leben unter Assad – die Hoffnung auf Hilfe aus dem Westen ist längst erloschen.