Die Zahl der aus Syrien fliehenden Menschen könnte nach Einschätzung des UN-Sondergesandten Staffan de Mistura noch einmal drastisch zunehmen. Sollte sich der Bürgerkrieg auf das Gebiet der bislang weitgehend vom Konflikt verschont gebliebenen Mittelmeer-Küstenstadt Latakia ausweiten, sei mit bis zu einer Million zusätzlichen Flüchtlingen zu rechnen, sagte der Diplomat vor Journalisten in Brüssel. Die meisten von ihnen würden nach seiner Einschätzung wohl versuchen, mit Booten über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Zudem könne auch ein weiterer Vormarsch der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) die Fluchtbewegungen verstärken. "Die Tendenz ist besorgniserregend", warnte de Mistura.

Entwicklungsminister Gerd Müller forderte im Hinblick auf die vielen Flüchtlinge aus Syrien ein Eingreifen der internationalen Staatengemeinschaft. "Wir brauchen eine neue Initiative der Vereinten Nationen. Die EU, Russland, die USA, Iran und die Türkei müssen über ihren Schatten springen und nach vier Jahren das grausame Morden vor Ort beenden", sagte der CSU-Politiker dem Sender Phoenix. "Wir brauchen eine Waffenruhe in Syrien. Was dort abläuft, ist unvorstellbar", sagte Müller. 

Ob Bemühungen für ein Ende des Bürgerkrieges irgendwann Erfolg haben können, hängt laut UN-Gesandtem de Mistura entscheidend von den beiden regionalen Großmächten Iran und Saudi-Arabien ab. Sie heizten den Konflikt noch immer an, indem sie das Regime des syrischen Machthabers Baschar al-Assad beziehungsweise die Opposition unterstützten. Auch Russland, das wie der Iran die Führung in Damaskus unterstützt, spiele eine wichtige Rolle.

Kein Wasser und kein Strom

Mit Blick auf den Umgang Europas mit der Flüchtlingskrise lobte de Mistura Deutschland: Es sei bemerkenswert, was für eine würdige Aufnahme von Menschen es dort gebe, sagte der Diplomat. Er betonte, dass kein Syrer sein Land freiwillig verlasse. "Nach fünf Jahren, in denen wir alle erfolglos in so vielen Konferenzen nach einem Friedensplan gesucht haben, haben sie keinerlei Hoffnung mehr, dass es für diesen Konflikt eine Lösung gibt", kommentierte de Mistura. Menschen würden von der syrischen Luftwaffe mit Fassbomben beworfen, es gebe Raketenangriffe der Opposition und oft kein Wasser und keinen Strom. "Der einzige, der derzeit als Gewinner gesehen wird, ist der 'Islamische Staat' und damit der Terror", sagte de Mistura.

Entwicklungsminister Müller verlangte von den EU-Staaten mehr Engagement für die Linderung der Notsituation in Staaten wie Libanon und Jordanien, die Millionen Flüchtlinge aufgenommen hätten. "Wenn wir vor Ort nicht mehr tun, werden sich die Menschen aufmachen, nach Deutschland und Europa zu kommen. Und wir können keine Mauer um uns herum bauen."

Im Video wird gezeigt, wie Großbritannien auf den wachsenden öffentlichen Druck bei Flüchtlingsfragen reagiert. Bis zu 20.000 syrische Flüchtlinge will das Land in den nächsten fünf Jahren aufnehmen.