Zerstörte Gebäude in Talbisseh in der Provinz Homs, Syrien © Mahmoud Taha/AFP/Getty Images

Russische Kampfflugzeuge haben erstmals Stellungen in Syrien bombardiert. Die Angriffe fanden nach Angaben der US-Regierung nahe Homs statt, die syrische Regierung bestätigte außerdem Angriffe in der zentralen Provinz Hama sowie in der Küstenprovinz Latakia. Der Einsatz gelte Stellungen der Terrormiliz "Islamischer Staat", hieß es aus Moskau. Doch die bombardierten Gebiete werden überwiegend nicht vom IS, sondern von der mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbundenen Al-Nusra-Front und anderen islamistischen Gruppen kontrolliert.

Frankreich und die USA äußerten Zweifel an der russischen Darstellung: US-Außenminister John Kerry sagte, es wäre äußerst Besorgnis erregend, sollte Russland Gebiete angreifen, in denen der IS nicht aktiv sei. Russische Operationen dürften nicht den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad unterstützen oder die Aktionen der US-geführten Koalition gegen den IS stören. Sollten sich die russischen Angriffe aber tatsächlich gegen den IS richten, begrüße er die Angriffe, sagte Kerry. Frankreichs Außenminister Laurent Fabius sagte jedoch, es gebe Hinweise, dass die Angriffe nicht dem IS gegolten hätten. Aus Pariser Regierungskreisen hieß es, Ziel seien vielmehr syrische Oppositionsgruppen gewesen.

Am Nachmittag gab es die ersten unbestätigten Berichte, wonach Stellungen der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA) getroffen wurden. Kurze Zeit später teilte die Assad-Gegnern nahestehende Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit, bei Luftangriffen auf die Orte Rastan, Talbisseh und Saafarani in der Provinz Homs seien 27 Zivilisten getötet worden. Auch in diesen Orten sei eine Präsenz von IS-Kämpfern nicht bekannt – auch wenn die Kontrolle über die Provinz Homs zum größten Teil die Regierung und der IS ausübten. Von unabhängiger Seite können diese Angaben nicht überprüft werden.

Russlands Militärintervention in Syrien hat die Regierung in Washington verärgert: Kerry beschwerte sich direkt bei seinem Kollegen Sergej Lawrow, wie ein hochrangiger US-Vertreter sagte. Kerry habe die Bombardements als kontraproduktiv eingestuft. Bei einem Gespräch mit Lawrow am Rande der UN-Vollversammlung in New York habe Kerry zudem betont, das russische Vorgehen laufe dem Bemühen zuwider, einen militärischen Zusammenstoß von Flugzeugen verschiedener Länder in Syrien zu vermeiden.

Auch US-Verteidigungsminister Ash Carter bezweifelt, dass Russland Gebiete des IS angegriffen hat. "Es scheint, dass sie in Gegenden waren, wo vermutlich keine IS-Kräfte waren", sagte er im Pentagon. Er kritisierte das Verhalten Russlands als widersprüchlich. Russlands erklärter Kampf gegen den IS und die gleichzeitige Unterstützung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad drohe die Lage eskalieren zu lassen.

Verärgert zeigten sich die USA auch über die Art und Weise, wie sie über die bevorstehenden Luftangriffe Russlands informiert wurden. Der Sprecher des Außenministeriums, John Kirby, sagte dazu: "Ein russischer Vertreter in Bagdad informierte heute Morgen das Personal der US-Botschaft, dass russische Militärflugzeuge heute mit Anti-IS-Einsätzen über Syrien beginnen würden." 

Nach Angaben eines US-Militärvertreters erfolgte die Vorwarnung etwa eine Stunde vor dem ersten Luftangriff, indem ein russischer General aus einem Geheimdienstzentrum in der irakischen Hauptstadt über die Straße zur US-Botschaft ging und dort mündlich über die bevorstehenden Luftangriffe informierte. Nach Angaben Kirbys verlangte der russische Vertreter in Bagdad auch, "dass US-Flugzeuge den syrischen Luftraum während dieser Einsätze meiden" sollten. Die USA fliegen seit gut einem Jahr gemeinsam mit Verbündeten Luftangriffe auf die IS-Miliz in Syrien und im Irak. 

Die russischen Angriffe hätten sich gegen militärische Ausrüstung sowie Lager mit Waffen und Munition der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gerichtet, teilte die Regierung in Moskau mit. Diese Darstellung verteidigte Außenamtssprecherin Maria Sacharowain in New York auch vor Journalisten. Die Vorwürfe, Russland greife nicht Ziele der IS-Miliz an, sei eine "Verzerrung der Tatsachen". 

Präsident Wladimir Putin nannte die Intervention den "einzigen Weg im Kampf gegen den internationalen Terrorismus". Russland werde die syrische Armee so lange unterstützen, bis diese ihren Kampf beendet habe, kündigte er an. Der Föderationsrat in Moskau hatte Putin am Morgen einstimmig den Einsatz von Soldaten in dem Bürgerkriegsland erlaubt. Der syrische Machthaber Baschar al-Assad habe Russland um Militärhilfe gebeten, sagte der Chef der Präsidialverwaltung, Sergej Iwanow. Es gehe um Luftangriffe, der Einsatz von Bodentruppen sei "ausgeschlossen".

Russland betreibt in der syrischen Hafenstadt Tartus eine wichtige Militärbasis. Der Westen fürchtet, dass Assad eine Intervention des Partners Russland zum Kampf gegen die Opposition und die Zivilbevölkerung nutzen könnte. Putin sagte, er rechne mit Assads "Kompromissbereitschaft" zur Lösung der Krise. Die Luftangriffe bezeichnete er als Präventivschlag. Terroristen müssten in den besetzten Gebieten "vernichtet" werden – "statt zu warten, dass sie zu uns kommen". Alle Partner seien informiert, sagte Putin.  

Russland dringt auf UN-Resolution gegen IS

In New York dringt Russland nun auf eine Resolution des UN-Sicherheitsrats für den Kampf gegen den IS. Ein entsprechender Entwurf werde noch im Laufe des Tages vorgelegt, sagte Lawrow. Ziel sei eine Koordinierung von "allen Kräften, die sich gegen den Islamischen Staat und andere terroristische Strukturen erheben". Lawrow sagte, dass sein Land zur Einrichtung von "dauerhaften Kommunikationskanälen" mit den USA bereit sei, um die Militäreinsätze abzustimmen.

Putin hatte die Resolution bereits in seiner Rede bei der UN-Generaldebatte am Montag angekündigt. Er warb dabei für eine breite internationale Koalition gegen die IS-Miliz  – gemeinsam mit Assad. Dies jedoch lehnen mehrere westliche Staaten ab. Frankreich etwa hat sich bereit erklärt, unter Bedingungen mit Russland zusammenzuarbeiten. Ziel müsse jedoch ein politischer Übergang sein, ohne dass "Syriens Henker" Assad an der Macht bleibe, sagte Außenminister Laurent Fabius.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier warnte in New York vor einer weiteren Eskalation des Konflikts: "In dieser aufgeheizten Situation in Syrien besteht die große Gefahr, dass es zu weiteren Missverständnissen zwischen den Partnern kommt, die wir alle brauchen, um zu einer Beruhigung der Lage beizutragen", sagte Steinmeier. Bislang gebe es "keine wirklich belastbaren Hinweise über die Ziele und Methoden dieser Luftschläge". Russland müsse jetzt "schnellstmöglich für Aufklärung sorgen".

Videografik - Die russisch-syrischen Beziehungen Während Russland am syrischen Machthaber festhält, fordert der Westen seine Ablösung. Dieses Video erläutert die Hintergründe der engen russisch-syrischen Beziehungen.