Sie wollten, dass er kommt. Und er wollte auch. Also machte sich Grünen-Chef Cem Özdemir mit Mithat Sancar, Abgeordneter der prokurdischen HDP und führendes Mitglied der Partei, auf den Weg ins türkische Cizre. Wer noch vor einigen Tagen den Namen dieser vorwiegend von Kurden bewohnten Stadt nie gehört hatte, wird sie jetzt wohl als jene Stadt in Erinnerung behalten, in der die türkische Regierung eine neuntägige Ausgangssperre verhängt hat.

Sie gilt als eine der traditionellen Hochburgen der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans, der PKK. Was genau während der Auseinandersetzungen zwischen PKK-Anhängern – dem Vernehmen nach Jugendverbände, die der Organisation nahestehen – und den türkischen Sicherheitskräften in der Stadt passierte, und warum genau sie begannen, bleibt unklar, da währenddessen keine unabhängigen Beobachter oder Presse in die Stadt konnten. Wir hatten in einem ersten Bericht versucht, einige Informationen zusammenzutragen. Die Darstellungen der Regierung und der oppositionellen HDP, aber auch lokaler Politiker wie etwa der Bürgermeisterin der Stadt, Leyla İmret (ebenfalls HDP), unterscheiden sich freilich. Nicht nur in der Frage, wer womit angefangen hat, sondern auch in der Zahl der toten Zivilisten. Während Premierminister Ahmet Davutoğlu vergangene Woche noch davon sprach, dass nicht ein Zivilist sein Leben verlor, sprechen die Leute in Cizre von 23 Toten, darunter auch Kinder. Laut dem Innenminister wurden lediglich 32 PKK-Kämpfer getötet und 800 Kilogramm Sprengstoff vernichtet.

Abgesehen von jenen der HDP waren keine Abgeordneten der türkischen Nationalversammlung in der umkämpften Stadt. Nun konnte sich als erster ausländischer Parlamentsabgeordneter Cem Özdemir die Folgen der Auseinandersetzungen anschauen. Am Montag wurde die letzte Ausgangssperre aufgehoben.

Schutt, Asche, Zerstörung

Bei der Einfahrt in die Stadt werden wir von Polizisten in Zivil kontrolliert, sie tragen fast alle kugelsichere Westen, einige Gewehre. Mehrere gepanzerte Fahrzeuge stehen herum. Die Beamten begutachten unsere Ausweise, während wir (Kollegen von der Welt, der Deutschen Presse-Agentur, Mitarbeiter der Grünen, der Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul) in unserem Bus warten. Die Szenerie wirkt sehr martialisch, aber die Polizisten sind nicht unfreundlich. Der offenbar Befehlshabende (trägt als Einziger keine Weste), schaut kurz in den Bus und tätschelt dem Büroleiter der Böll-Stiftung noch mal herzlich das Knie, als er ihm seinen Ausweis wiedergibt: "Hier, mein Lieber."  

Nach einem kurzen Stopp im Rathaus der Stadt (das gleich neben der Residenz des Staates vor Ort steht, aber um einiges mickriger ist und nicht mit Stacheldraht und hoher Mauer geschützt; Kollege Deniz Yücel hat dies einmal in einem Artikel für die Welt sehr schön beschrieben) geht die Özdemir-Delegation in die Viertel von Cizre, die besonders hart umkämpft waren. Es wird ein Spaziergang durch Ruinen, die Delegation wächst scheinbar mit jedem Meter, weil sich mit jedem Meter auch Einwohner anschließen. Hier zeigt sich ein ähnliches Bild, wie ich es bereits nach den Auseinandersetzungen in Silvan (gehört zur Provinz Diyarbakır) und in der Altstadt von Diyarbakır sehen konnte: überall Einschusslöcher, in Häuserwänden und Metalltüren, zu Bruch gegangene Fenster, ein verbranntes Fahrzeugwrack, Schutt, Asche, Zerstörung.  

Ein Mann lässt die Delegation in sein Haus. Er zeigt uns die Schäden und erzählt von einem Verwandten, der am Bein von einer Kugel getroffen wurde, in seinem Haus – nicht etwa draußen auf der Straße. Sein Bein musste ihm später abgenommen werden. Im Flur sieht man ein großes Loch, das ins Nachbarhaus führt. Viele Häuser haben nun so ein Loch, wegen der Ausgangssperre. Die Bewohner schlugen diese Löcher selbst ins Mauerwerk, so konnten sie von Haus zu Haus, ohne raus zu müssen. Die Zivilbevölkerung leidet, so viel ist klar. Nicht nur Rausgehen war verboten, auch die Gesundheitsversorgung, Wasser, Strom, Elektrizität, Telekommunikation, so sagt man uns, waren gekappt. Verletzte kamen nicht ins Krankenhaus, die Toten konnten zunächst nicht beerdigt werden. Der HDP-Abgeordnete Faysal Sarıyıldız formulierte es gegenüber Cem Özdemir so: "Diese Leute fragen nicht einmal mehr, warum man sie tötet, sondern warum sie nun nicht einmal mehr ihre Toten begraben dürfen."

HDP-Chef Selahattin Demirtaș, der während der Ausgangssperre vergangene Woche mit einer Delegation von Abgeordneten und zwei HDP-Ministern zuerst mit dem Auto, später zu Fuß nach Cizre gelangen wollte und von den Sicherheitskräften gestoppt wurde, zog einen Vergleich. Er sagte, Cizre sei das Kobane der Türkei. Ich glaube, obwohl in Cizre Menschen gestorben sind (was schmerzhaft genug ist), es viel Zerstörung gibt, und obwohl der Entschluss des charismatischen HDP-Chefs richtig und wichtig war, sofort nach Cizre zu marschieren, ist dieser Vergleich nicht richtig. Ich konnte mir auch ein Bild von Kobane machen – dort steht kein Stein mehr auf dem anderen.