Der Chef der prokurdischen Partei HDP Selahattin Demirtaş hat Präsident Recep Tayyip Erdoğan und Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu Kriegstreiberei vorgeworfen. Beide hätten "eine Entscheidung für den Bürgerkrieg gefällt", sagte Demirtaş. Am Dienstagabend hatten zunächst Zehntausende Menschen in mehreren Städten der Türkei gegen den Terror der PKK demonstriert. Anschließend attackierten zahlreiche aufgebrachte Nationalisten kurdische Einrichtungen. Demirtaş sprach von Lynchversuchen, die von der Regierung unterstützt worden seien.

In Ankara brannte die HDP-Zentrale. Auch vier Läden kurdischer Inhaber seien in Brand gesteckt worden, berichtete Hürriyet. In der Hafenstadt Alanya zündeten Nationalisten ein Büro der Partei an. Die HDP verbreitete ein Video, in dem das brennende Gebäude zu sehen ist. Augenzeugen berichteten, dass die Polizei nicht eingriff, als Angreifer sich den Gebäuden näherten. Demirtaş warf den Behörden daraufhin vor, Einrichtungen der HDP nicht gegen den Mob geschützt zu haben.

Am Abend war auch das Büro der Hürriyet erneut attackiert worden. Diese Angriffe verurteilte der Deutsche Journalisten Verband (DJV) scharf. Hürriyet sei "in der türkischen Zeitungslandschaft die letzte kritische und unabhängige Stimme gegen die Erdoğan-Regierung", sagte der DJV-Vorsitzende Michael Konken. "Sie gilt es zu schützen, nicht anzugreifen."

"Kritische Berichterstattung passt Herrn Erdoğan und seiner Clique nicht ins Konzept", sagte Konken weiter. "Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie die letzten Reste einer freien Presse in der Türkei zu Grabe getragen werden." Er forderte die Bundesregierung auf, die Türkei zu ermahnen, die Pressefreiheit zu schützen. Etwa hundert Nationalisten seien im letzten Moment von Sicherheitskräften daran gehindert worden, das Redaktionsgebäude zu stürmen, berichtet Hürriyet.

Während der Parlamentswahlen im Juni erreichte die HDP 13,1 Prozent der Stimmen. Die AKP von Präsident Erdoğan verlor ihre absolute Mehrheit im Parlament. Nachdem Koalitionsgespräche gescheitert waren, gibt es derzeit eine Übergangsregierung, an der auch die HDP beteiligt ist. Sie soll bis zur Neuwahl am 1. November im Amt bleiben.

Besorgt über die Situation in der Türkei äußerte sich auch der Generalsekretär des Europarates, Thorbjørn Jagland. Er sei alarmiert über "die Angriffe auf politische Parteien und Medien, die die Demokratie zu destabilisieren drohen".

Die Gewalt zwischen PKK und türkischen Sicherheitskräften ist seit dem vergangenen Sonntag eskaliert. Kurdische Rebellen hatten bei einem Bombenanschlag im südosttürkischen Dağlıca 16 Soldaten getötet. Am Montag starben zwölf Polizisten, die mit ihrem Bus auf eine Mine fuhren. Die türkische Armee verstärkte daraufhin ihre Offensive gegen PKK-Stellungen. Hunderte türkische Soldaten rückten darauf hin auch in den Irak vor.