Kaum hat die Türkei eine Woche voller Schmerz und Gefahr hinter sich gebracht, hat eine neue Woche voller Schmerz und Gefahr begonnen. In Dağlica (Provinz Hakkari) sind bei einem Anschlag der PKK nach Angaben der Armee 16 Soldaten getötet worden, sechs weitere wurden verletzt. Diese Toten waren noch nicht beerdigt, da starben bei einem weiteren Bombenanschlag auf einen Dienstbus in der Provinz Iğdır zwölf Polizisten. Beide Male wurden die Sprengsätze aus der Ferne gezündet. Im ersten Fall sollen 400 Kilogramm Sprengstoff detoniert sein, im zweiten eine Tonne.

Eine Tonne.

In Cizre (Provinz Şırnak) soll ein 12-jähriges Mädchen bei Kämpfen zwischen PKK und Armee getötet worden sein. Nicht das erste Kind, das den derzeitigen Konflikt mit seinem Leben bezahlen muss. Wegen der Ausgangssperre musste die Familie den Leichnam zunächst in der Tiefkühltruhe aufbewahren, so berichtet die Zeitung Radikal unter Bezug auf einen Abgeordneten der prokurdischen Partei HDP, der die Familie besucht hatte.

Das ist wohl der Moment, wo Worte versagen.

In Gebieten mehrerer Provinzen herrscht eine Ausgangsperre, etwa in Diyarbakır, wo mich gestern die Nachricht eines Apothekers über Facebook erreichte. Er schrieb, dass er bald Konkurs anmelden müsse, wie viele andere auch, die eine Frage: "Wann hört dieser Krieg auf?" Menschen stehen in einigen Städten im Südosten Schlange vor Bäckereien.

Weitere Ereignisse deuten darauf hin, dass die Lage erst einmal schlimmer wird, bevor sie irgendwann wieder besser werden kann. Nationalisten demonstrieren im ganzen Land gegen die Anschläge der PKK, was ihr gutes Recht ist. Doch sie greifen Büros der prokurdischen Partei HDP an, stecken sie in Brand, werfen mit Steinen, gefährden Menschenleben. Es herrscht Lynchstimmung auf diesen Demonstrationen. In Istanbul sollen sie laut Cumhuriyet geschrien haben: "Wir wollen keine Operationen, wir wollen ein Blutbad!" Mehrere Tausend Menschen waren auf dieser Demo. Eine Gruppe von Männern hat innerhalb von 48 Stunden zweimal das Büro der Hürriyet unter "Allahu-akbar"-Rufen angegriffen und versucht, in das Gebäude hineinzukommen, Steine und andere Gegenstände flogen. Der Chefredakteur erhebt schwere Vorwürfe gegen die Regierung, sie habe die Zeitung nicht geschützt. In den Urlaubsorten Manavgat und Side zerstörten Randalierer Läden, von denen sie glaubten, dass sie Kurden gehörten. Besorgniserregend sind auch die Angriffe auf kurdische Saisonarbeiter in der Stadt Beypazarı in der Nähe von Ankara. Ebenso die Attacken auf Fernbusse, die unterwegs in die kurdisch geprägten Gebiete im Südosten waren. Viele Busunternehmen haben daraufhin am Mittwoch diese Routen eingestellt.

Es fällt schwer, zu glauben, dass sich da zufällig gleichzeitig Volkes Zorn entlädt, an so vielen Orten des Landes. Nicht auszuschließen, dass sich die Angreifer auch durch die teilweise kriminalisierende Rhetorik des politischen Gegners motiviert fühlen könnten.

Der Konflikt zwischen dem Staat und der PKK droht zu einem zwischen Türken und Kurden zu werden. Er springt aus den Reden der Politiker und den lauten Schlagzeilen der parteiischen Medien auf die Straßen und auf die Plätze der Städte.

Nach dem Schock von Dağlica, Iğdır und den Ereignissen der vergangenen Nächte haben neben anderen sowohl Premierminister Ahmet Davutoğlu als auch HDP-Chef Demirtaş zu Ruhe, Mäßigung und Besonnenheit aufgerufen.

Demirtaş und seine HDP haben in dieser dramatischen Situation die schwierigste Rolle. Sie werden derzeit zwischen der Regierungspartei AKP von Tayyip Erdoğan und der nationalistischen MHP auf der einen Seite, und der PKK auf der anderen Seite aufgerieben. Die Beziehungen zwischen ihr und der als Terrororganisation gelisteten PKK sind tatsächlich nicht ganz klar, das Wording lautet: "Es gibt keine organische Beziehung." Was auch immer das heißen mag. Ein leichtes für den politischen Gegner, diesen Satz auszuschlachten.