Im Keleti-Bahnhof in Budapest am Samstag © Leonhard Foeger/Reuters

Am Morgen nach dem ersten Flüchtlingstreck Richtung Grenze, dem March of Hope, scheint sich am Budapester Keleti-Bahnhof kaum etwas geändert zu haben. Zwar sind Tausende Flüchtlinge mit Bussen und Bahnen nach Österreich und Deutschland abgereist. Doch die Unterführung, wo sie wochenlang ausgeharrt hatten, gleicht noch immer einem Bettenlager: Überall liegen, sitzen, schlafen, stehen Mütter, Kinder, Junge und Alte zwischen Müllbergen, Zelten, Isomatten, auf Papplagern.

Zwischen den Betonwänden mit viel Stahl und Glas schlüpft Helena in ihre rote Weste, die sie als Helferin ausweist und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Vor 20 Minuten, um kurz nach zehn Uhr, hat sie ihre Arbeit begonnen: Schuhe verteilen, Essensgläschen an Mütter weitergeben und Windeln. "Entspannt hat sich hier wenig", sagt sie. Seit einer Woche arbeitet sie ehrenamtlich hier. "Immer noch leben hier Tausende auf der Straße und die Regierung interessiert sich nicht dafür", klagt sie.

Wer noch hier im Bahnhof ist, war entweder zu schwach, sich dem Marsch der Flüchtlinge anzuschließen, hat zu spät davon erfahren – oder ist eben erst neu in Budapest angekommen.

Ungarns Regierung ist hier im besten Fall noch Beobachter: "Von 100 Flüchtlingen, die inzwischen hier ankommen, wird einer registriert", sagt Helena. Ohne die private Hilfe einiger Dutzend Budapester wären die Flüchtlinge hier immer noch komplett sich selbst überlassen.

 Mit spärlichen Mitteln versucht eine ohnehin schwach ausgeprägte Zivilgesellschaft die Abwesenheit des Staates aufzufangen: Ein paar Kleider liegen auf dem Boden, dazwischen Schuhe – das ist die Altkleidersammlung. Froh ist, wer ein zusammengehöriges Paar ergattert hat. Daneben stapeln sich Wasserkisten und Weißbrot. "München hat in zwei Stunden mehr auf die Beine gestellt als wir in zwei Wochen", sagt Helena. "Als ich das gesehen habe, bin ich vor Scham rot angelaufen."

Doch selbst in der Tristesse des Bahnhofs gibt es die kleinen Momente der Freude: Auf eine nackte Betonwand haben Flüchtlinge Deutschlandfahnen und bunte Grußworte gepinselt. Davor hat Hedi aus Wien Karton, Wachsmalstifte, Wasserfarben und Papierblöcke ausgelegt. Kinder wedeln mit Krepppapier durch die Luft und jagen zwischen den Säulen des Untergeschosses umher.

Dass solche Momente eher selten sind, ist sicher kein Zufall. Tatsächlich scheint sich Ungarn der Flüchtlinge so bequem und geräuschlos wie möglich entledigen zu wollen: In der Nacht zu Samstag schickte man noch Busse zur Autobahn, um die dort laufenden Menschen des Flüchtlingstrecks zur österreichischen Grenze zu fahren. Auf Dauer aber würden das die EU-Partnerstaaten wohl nicht gutheißen.

Flüchtlinge googeln die Zielorte

Immer wieder machen Gerüchte in den Hallen die Runde: Ein Fernzug fahre nach Wien, heißt es. Der Railjet nach München stehe bereit. Dann kennt plötzlich der ganze Bahnhof nur noch eine Richtung: zu den Gleisen. Die Polizei lässt die Menschen gewähren. Doch es bleibt bei Gerüchten und die Flüchtlinge gehen wieder zurück, die Haupttreppen hinunter in die dunkle Unterführung, wo die Luft steht. Immer noch fahren von Budapest aus keine Züge in die westlichen EU-Staaten. Was aber nicht heißt, dass Ungarn die Flüchtlinge aktiv daran hindert, sich nach Österreich oder Deutschland durchzuschlagen.

Im Chaos des Bahnhofs umschwärmen Gruppen die wenigen Regionalzüge. Menschen steigen ein und wieder aus. Sie versuchen, die Schilder an den Zugtüren zu entziffern, googeln die Orte: Szombathely, Sopron, Győr. Sie wollen näher an die Grenze, weg aus Budapest.

Von Győr, einer Kleinstadt zwischen Budapest und der Grenze zu Österreich, soll sich inzwischen ein neuer Flüchtlingstreck auf den Weg gemacht haben. Aktivisten verbreiten im Netz, die Polizei sei vor Ort, greife aber nicht ein. 

Der Bahnhof leert sich

Für Sonntag haben sich Privatleute vor allem aus Österreich über Facebook verabredet: Sie wollen in einem Auto-Konvoi nach Budapest fahren, die Verbliebenen einsammeln und nach Österreich bringen. Als Amateur-Fluchthelfer begehen sie mindestens einen Tabubruch. Doch vielmehr dürfte die kalkulierte Provokation Ungarns Premier Viktor Orbán in die Hände spielen: Wieder ein paar Hundert Flüchtlinge weniger in Ungarn.

Das nervt Adam: Sein blonder Zopf wippt im Getümmel zwischen zwei Gleisen: Er lotst Flüchtlinge in die richtigen Züge. Seine Arbeit zeigt Wirkung. Als die Anzeigetafel über seinem Kopf halb vier Uhr Nachmittags zeigt, ist der Bahnhof merklich leerer. Immer wieder ist er umringt von fragenden Flüchtlingen. Er drängt sie, schnell einzusteigen. "Die müssen so schnell wie möglich raus aus diesem Land", sagt er. "Auch wenn dann die Regierung bekommt, was sie will: weniger Ausländer in Ungarn."