Vor Kurzem ist Josep Maria Rabella in Rente gegangen. Seine Abende verbringt der ehemalige Kartografie-Professor oft in seiner Stammbar, bei einem Bier und Kartoffelecken mit Knoblauchsauce. Rabella, in Barcelona geboren und nie weggezogen, ist glühender Anhänger der Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien. Über nichts kann sich der kleine, eher leise auftretende Mann so aufregen wie über den konservativen spanischen Regierungschef Mariano Rajoy in Madrid.

"Das ist Terrorismus, was der da macht", sagt Rabella. "Uns zu drohen, die Renten nicht mehr zu bezahlen. Zu behaupten, wir würden die spanische Staatsbürgerschaft verlieren und aus der EU fliegen. Wir wollen doch nur das Recht haben, über unsere eigene Zukunft zu entscheiden." Man solle ihn nicht falsch verstehen, sagt Rabella und schaut durch seine Brille mit Goldrahmen: "Ich habe nichts gegen die Spanier. Aber wir Katalanen sind einfach anders. Wir sollten getrennte Wege gehen."

Unabhängigkeitsträumereien in Katalonien, der wirtschaftsstärksten Region Spaniens rund um die Stadt Barcelona, gibt es seit Langem. Hier spricht man eine eigene Sprache und betont die eigene Kultur, die bis zurück ins Mittelalter gehe. In der spanischen Wirtschaftskrise wuchs der Wunsch nach mehr Autonomie, vor allem finanzieller Natur. Viele glauben, dass sie zu viele Steuern nach Madrid zahlen und diese dann versickern. Hinzu kommt, dass viele Katalanen die Zentralregierung ablehnen: Mariano Rajoy gilt ihnen als Inbegriff einer korrupten Politikerkaste, die für die Krise in Spanien mitverantwortlich sei.

Auch deshalb hat die katalonische Regierung die Regionalwahlen am heutigen Sonntag zum Quasi-Referendum über die Unabhängigkeit von Spanien ausgerufen. Dafür tritt der konservativ-liberale Regierungspräsident Artur Mas sogar mit den Linksrepublikanern und zahlreichen Zivilorganisationen auf einer gemeinsamen Wahlliste an. Das ist in etwa so, als würden sich in Deutschland CSU und Linkspartei zusammentun. Entsprechend gibt es bei der Regionalwahl nur einen einzigen Programmpunkt: Die Unabhängigkeit. Selbst der katalanische Bayern-Trainer Pep Guardiola kandidiert medienwirksam für das Bündnis, allerdings auf einem bewusst aussichtslosen Listenplatz.

Das Bündnis Junts pel Si (Katalanisch für: "Gemeinsam für das Ja") appelliert an den Bürger: Es gehe um alles, um "Die Stimme deines Lebens". Für den Wahlkampf-Abschluss am Freitagabend hatten die Separatisten eine der Hauptstraßen Barcelonas abgeriegelt. Zehntausende schunkelten zu katalanischen Volksliedern auf der Straße und lachten laut, als auf Großleinwänden Interviews des spanischen Premier Rajoy eingespielt wurden. "Der 27. September wird ein historischer Tag", rief Regionalpräsident Mas der euphorisierten Masse entgegen. "Stimmt für den Wechsel."

Raimundo Viejo findet das alles "zynisch", wie er sagt. Der 46-Jährige Politikwissenschaftler gehört zum engeren Führungskreis der spanischen Protestpartei Podemos, seit Mai ist er als Bildungsdezernent Teil der neuen linken Stadtregierung von Barcelona. "Mas und Wechsel? Dass ich nicht lache", sagt Viejo. Tatsächlich regiert der katalanische Regierungschef seit fünf Jahren, hatte zuletzt mit sinkenden Umfragewerten und Korruptionsskandalen zu kämpfen und es gibt nicht wenige, die glauben, dass er das Unabhängigkeitsvotum nur organisiere, um seine eigene Macht zu retten.

Viejo ist wie viele Linke der Überzeugung, dass es im von der Wirtschaftskrise gebeutelten Katalonien dringendere Probleme gibt als eine Abspaltung von Spanien. Doch die seien einfach kein Wahlkampfthema. "Früher habe ich als Politikdozent gerne meine Studenten die Unabhängigkeit Kataloniens durchexerzieren lassen", erzählt er. "Die haben schnell gemerkt, dass das einseitig auf legalem Weg überhaupt nicht möglich ist." Die spanische Nationalverfassung sieht einen solchen Fall nicht vor und müsste erst geändert werden. Daran dürfte der Rest Spaniens aber kein Interesse haben. "Hier wird mit Illusionen Wahlkampf gemacht", sagt Viejo und seufzt.