Durch Luftangriffe auf ein Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kundus sind mindestens neun Mitarbeiter der Klinik getötet worden. Weitere 37 Menschen wurden schwer verletzt, unter ihnen 19 Mitarbeiter, teilten die Mediziner mit. Bei den mehrfachen Bombardements sei das Krankenhaus teilweise zerstört worden.

Dem US-Militär zufolge könnte es während einer Aktion der US-Luftwaffe getroffen worden sein. "Bei dem Angriff ist es möglicherweise zu einem Kollateralschaden bei einer nahe gelegenen medizinischen Einrichtung gekommen", sagte ein Militärsprecher. "Der Vorfall wird noch untersucht."

Ärzte ohne Grenzen teilte mit, dass allen Konfliktparteien vorsorglich mehrfach die genauen Geodaten ihrer Einrichtungen übermittelt worden seien, zuletzt am 29. September. Nach Beginn des Angriffs habe man zudem das amerikanische und afghanische Militär erneut kontaktiert; dennoch habe das Bombardement noch mehr als 30 Minuten angehalten.

Laut der Organisation wurde das medizinische Zentrum zur Traumabewältigung mitten in der Nacht getroffen. Der Luftangriff ereignete sich den Angaben zufolge gegen 2.10 Uhr. Die US-Luftwaffe räumte ein, dass sie gegen 2.15 Uhr einen Angriff auf Kundus geführt habe. Auch die Nato teilte mit, möglicherweise sei die Klinik bei einem Luftangriff der Militärallianz getroffen worden.

"Wir sind zutiefst schockiert über den Angriff und darüber, dass unsere Kollegen und Patienten getötet wurden sowie über den hohen Tribut, den der Angriff von der Gesundheitsversorgung in Kundus fordert", sagte Bart Janssens, Leiter der Projektabteilung von Ärzte ohne Grenzen. "Unser medizinisches Team leistet Erste Hilfe, behandelt die verletzten Patienten und Mitarbeiter und versucht, sich endgültige Gewissheit über die Anzahl der Verstorbenen zu verschaffen. Wir fordern alle Konfliktparteien auf, die Sicherheit von Gesundheitseinrichtungen und Personal zu respektieren."

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1980 in Afghanistan tätig. Im August 2011 wurde die Klinik in Kundus mit 55 Betten eröffnet, die zuletzt über mehr als 90 Betten verfügte. Rund 400 afghanische und zehn internationale Mitarbeiter arbeiten dort. In das Krankenhaus kommen Patienten aus allen umliegenden Provinzen.

Taliban verschanzen sich in Häusern

Kundus war am Montag von den radikalislamischen Taliban erobert worden. Die Armee startete eine Gegenoffensive; am Freitag meldeten die Sicherheitskräfte die Rückeroberung der Stadt. Die USA unterstützten die Gegenoffensive der afghanischen Armee in Kundus unter anderem mit Luftangriffen. Die Kämpfer der Taliban verschanzten sich in Wohnhäusern. Sie kämpfen gegen die Regierung in Kabul, seit sie vor fast 14 Jahren durch einen US-geführten Militäreinsatz entmachtet wurden.

Der Fall von Kundus und die mühsame Rückeroberung stellen infrage, ob die von Nato-Soldaten ausgebildeten afghanischen Soldaten und Polizisten tatsächlich für die Sicherheit im Land sorgen können. Einem Bericht der Welt am Sonntag zufolge will die Bundesregierung den Einsatz in Afghanistan um ein Jahr verlängern. Der für 2016 geplante endgültige Abzug sei angesichts der Angriffe der Taliban verfrüht, zitierte das Blatt aus Nato-Kreisen.

Die Bundeswehr ist noch mit bis zu 850 Soldaten in Masar-i-Sharif und Kabul präsent. Bis vor zwei Jahren betrieb sie in Kundus ein großes Feldlager. Die deutschen Soldaten waren Teil des Nato-Kampfeinsatzes, der 2014 beendet wurde.