Die Kriege im Irak und in Afghanistan haben, sollte man meinen, alle Hoffnungen zunichte gemacht, die sich einst an westliche Militärinterventionen knüpften. Soweit es diese Hoffnungen überhaupt gab. Einer, der sich schon lange keine Illusionen mehr gemacht hat, ist Barack Obama. Trotzdem hat der US-Präsident vergangene Woche entschieden, Amerikas Soldaten nicht wie geplant zum Jahresschluss 2016 aus Afghanistan abzuziehen.

Am Ende seiner Präsidentschaft sollten sie bis auf einen kleinen Rest wieder zu Hause sein. So hatte Obama es versprochen. Doch nun werden beim Amtswechsel im Januar 2017 wohl noch 5.500 GIs am Hindukusch stationiert sein. Ob sie da noch gebraucht werden, soll Obamas Nachfolger entscheiden.

Derzeit sieht es ganz danach aus. Die Taliban sind wieder auf dem Vormarsch. Sie kontrollieren heute ein größeres Gebiet als zu Beginn der Nato-Mission 2001. Wie prekär die Lage ist, zeigte die Eroberung von Kundus vor drei Wochen. Obwohl die Taliban den Regierungstruppen zahlenmäßig weit unterlegen waren, konnten sie diese mühelos aus der Stadt vertreiben.

"Uns ist klar, dass die Afghanen noch Beistand brauchen", sagt US-Verteidigungsminister Ashton Carter. Seine Militärs haben sich lange schon gegen einen vollständigen Abzug gesträubt. Aber glauben sie wirklich, nach vierzehn Jahren Krieg die Dinge noch zum Guten wenden zu können? Oder geht es ihnen nur darum, das schmähliche Ende hinauszuzögern?

Der IS gewinnt an Macht

Um Kampfkraft und Kampfeswillen der Regierungstruppen scheint es jedenfalls nicht gut zu stehen. In Afghanistan wiederholt sich, was schon im Irak zu beobachten war; dort fiel im Mai 2015 die Stadt Ramadi, weil zehntausend Soldaten nicht in der Lage waren, sie gegen 600 Kämpfer des "Islamischen Staats" (IS) zu verteidigen. Hier wie dort stehen die von den USA ausgebildeten und ausgerüsteten Regierungstruppen hoch motivierten Islamisten gegenüber, die überzeugt sind, die Zeit arbeite für sie.

Das alles weiß natürlich auch Obama. Wenn er sich jetzt für ein Verbleiben der US-Truppen entschieden hat, dann nicht zuletzt, weil der "Islamische Staat" auch in Afghanistan an Einfluss gewinnt. Immer weiter greift der IS über sein Kerngebiet in Syrien und im Nordirak hinaus. Noch brutaler als Al-Kaida, zieht er seine Blutspur inzwischen über Afghanistan hinaus bis nach Bangladesch.

Nicht nur in Washington beginnt deshalb ein Umdenken. Auch die Bundeswehr wird wohl ihren Einsatz in Afghanistan verlängern. Dies deutete Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen an. Ein Abzug sei erst dann zu verantworten, wenn die Sicherheitslage es erlaube. "Wann das genau sein wird, kann heute niemand voraussehen."

Möglicherweise steht der Bundeswehr bald noch ein weiterer Einsatz bevor. In Berlin werde überlegt, die Beteiligung an der Mali-Mission der Vereinten Nationen deutlich auszuweiten, berichtete die Süddeutsche Zeitung am vergangenen Donnerstag. Bisher ist die Bundeswehr nur im Süden des Landes präsent, wo sie sich an der Ausbildungsmission der EU beteiligt. Nun soll sie im gefährlicheren Norden die dort stationierten Niederländer unterstützen.

Mali geriet ins Visier der Islamisten, als das Nachbarland Libyen nach dem Tod Gaddafis in Anarchie zu versinken begann. Auch dort hatte der Westen eingegriffen – aus Gründen, die man respektieren konnte, aber mit völlig unzureichenden Mitteln und vor allem ohne jede strategische Weitsicht und ohne jede politische Perspektive.

"You break it, you own it"

Wo immer der Westen in den vergangenen Jahren intervenierte, hat er Stückwerk hinterlassen. Und doch würde man es sich zu leicht machen mit dem Ruf: Nur noch raus, und zwar so schnell wie möglich. Wer militärisch eingreift, übernimmt Verantwortung für die Folgen. Wie es der frühere US-Außenminister Colin Powell sagte: "You break it, you own it."

Einfach nur verbrannte Erde zu hinterlassen, ist weder politisch noch moralisch eine Alternative. Zumal jeder wissen muss: Es kann noch viel schlimmer kommen. Das zeigt die Barbarei des "Islamischen Staats" an Euphrat und Tigris.

Schon bevor er ins Weiße Haus einzog, hatte Barack Obama gesagt, nach einem Jahrzehnt der Kriege sei es "Zeit, eine Seite umzuschlagen". Nun, nach fast sieben Jahren als Oberbefehlshaber muss er seinen Rückzugsbeschluss revidieren. Auch ihm gelingt es nicht, ein neues Kapitel zu beginnen. Das ist eine Tragödie.